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Plenarsitzungen der UNO-Generalversammlung zum
Jahr des Dialogs zwischen den Kulturen

8./ 9. November 2001

 

UNO-Generalsekretär Kofi A. Annan:

Idee des “Dialogs zwischen den Kulturen“ entspricht den Grundwerten der Vereinten Nationen


Die Vereinten Nationen wurden in dem Glauben gegründet, dass der Dialog über die Dissonanz der Meinungen triumphieren kann, dass Vielfalt ein universelles Gut ist und dass die Völker der Welt weit mehr durch ihr gemeinsames Schicksal geeint als durch unterschiedliche Identitäten gespalten sind.

Die Vereinten Nationen zeigen sich dann von ihrer besten Seite, wenn sie sich als wahrer Hort des Dialogs zwischen den Kulturen erweisen, als Forum, in dem dieser Dialog gedeihen und in jedem Lebensbereich der Menschen Früchte tragen kann. Ohne diesen Dialog, der täglich zwischen allen Nationen stattfindet - innerhalb wie zwischen den Kulturen - kann es keinen dauerhaften Frieden und keinen sicheren Wohlstand geben. Diese Lehre haben wir aus dem ersten halben Jahrhundert der Geschichte der Vereinten Nationen gezogen. Diese Lehre zu vergessen, kann für uns nur verhängnisvoll sein.

Die Geschichte lehrt uns, dass es neben einer unendlichen Vielfalt von Kulturen auch eine gemeinsame, globale Kultur gibt, die auf den gemeinsamen Werten von Toleranz und Freiheit beruht. Diese Kultur definiert sich durch ihre Toleranz gegenüber anderen Meinungen, durch ihre Wertschätzung der kulturellen Vielfalt, ihr Festhalten an grundlegenden, universalen Menschenrechten und ihren Glauben an das Recht aller Menschen auf Mitsprache über ihre Regierungsform. Diese Kultur beruht auf dem Glauben, dass man die Vielfalt der menschlichen Kulturen schätzen und nicht fürchten muss. Viele Kriege sind aus Furcht vor Andersgearteten entstanden. Nur im Wege des Dialogs können solche Ängste überwunden werden.

Die Vielfalt bildet daher die Grundlage für den Dialog zwischen den Kulturen und gleichzeitig ist sie die Realität, die diesen Dialog notwendig macht. Diese globale Kultur gilt es zu Beginn des neuen Jahrhunderts zu verteidigen und zu fördern.

Um dabei erfolgreich zu sein, müssen wir darauf achten, bei der Förderung des Dialogs keine neuen Schranken zu errichten, Zusammenarbeit zu fördern ohne Integration zu behindern. Warum sage ich das? Weil die Gefahr besteht, dass schon die Diskussion über den Dialogs zwischen den Kulturen in einer Art und Weise verlaufen kann, durch die bestehende Barrieren eher noch verstärkt als abgebaut werden.

Vor allem möchte ich uns alle daran erinnern, dass schon der Ausdruck Zivilisation oder Kultur kein konstanter oder unwandelbarer Faktor der Geschichte ist, sondern sich in ständigem Wandel befindet, sich laufend ändert, wächst, entwickelt und sich an neue Zeiten und neue Gegebenheiten durch Interaktion anpasst. Noch decken sich diese Begriffe zwangsläufig mit bestimmten religiösen Glaubensformen. Es ist eine viel zu grobe Vereinfachung ganz allgemein von einer christlichen oder moslemischen oder buddhistischen Kultur zu sprechen; dadurch werden Barrieren geschaffen, die unnötig sind.

Diese breiten Verallgemeinerungen halten den Kriterien unserer modernen Zeit nicht Stand - falls sie denn jemals Gültigkeit hatten. Integration, Wanderungsbewegungen und Globalisierung bringen heute unterschiedliche Rassen, Kulturen und Volksgruppen in immer engeren Kontakt zueinander. Wir sehen das in vielen Teilen der Welt. Nur wenige von uns können wirklich behaupten, nur einer einzigen Kultur anzugehören. Vielmehr verstehen wir uns heute als Produkt vieler Kulturen und Einflüsse. Unsere Stärke liegt in der Verbindung des Gewohnten mit dem Fremden. Jede Suche nach einer exklusiven, nur auf die eigene Gruppe ausgerichteten Kultur ist zum Scheitern verurteilt.

Das heisst nicht, dass wir nicht mit Fug und Recht auf unseren besonderen Glauben oder unser kulturelles Erbe stolz sein können. Das können und das sollen wir. Aber die Vorstellung, dass was wir sind zwangsläufig in Konflikt zu dem stehen muss, was andere sind, ist nicht nur falsch sondern auch gefährlich. Im Gegensatz zu dem, was manche sagen, können wir durchaus das, was wir sind, lieben ohne das, was wir nicht sind, zu hassen.

Auf welche Weise kann sich der Dialog zwischen den Kulturen daher als nützliches Konzept erweisen? Erstens, ist dieser Dialog eine angemessene und notwendige Antwort auf die Vorstellung von einem unvermeidlichen Kampf der Kulturen. Damit bietet der Dialog einen nützlichen Anknüpfungspunkt zur Stärkung der Zusammenarbeit statt des Konfliktes.

Zweitens, hilft uns der Dialog auf die tiefer liegenden, alten Wurzeln der Kulturen und Zivilisationen zurückzugreifen, um das zu finden, was uns über alle Schranken hinweg vereint und was uns zeigt, dass die Vergangenheit ebenso leicht als Wegweiser für das Gemeinsame wie für das uns Trennende dienen kann.

Drittens, und vielleicht am wichtigsten: Der Dialog zwischen den Kulturen kann uns dabei helfen, die Rolle besser zu verstehen, die Kultur und Zivilisation in den Konflikten unserer Zeit spielen und damit Propaganda und Geschichtsverfälschungen von den wahren Kriegsursachen zu unterscheiden. Das erleichtert nicht zuletzt auch unseren Weg zum Frieden.

Allzu oft haben Kriegstreiber und politische Führer, deren Interesse nur auf Aggression und Gewalt ausgerichtet war, in letzter Zeit ihre Gefolgschaft aufgerufen, sich mit den Opfern vergangener Gräueltaten zu identifizieren und Rache zu nehmen, oder sich gegen andere Gruppen zu verteidigen, die als die Aggressoren in früheren Konflikten galten. Oft werden solche Aufrufe mit der Behauptung verbunden, die betreffenden Gruppen gehörten zu anderen, feindlichen Kulturen.

Damit wurde nicht nur die Geschichte verfälscht und für die niedrigsten aller Zwecke missbraucht, sondern auch der Blick auf die wirklichen Notlagen und Klagen verstellt, die die eigentlichen Ursachen der Konflikte bilden und die behoben werden müssen, um den Konflikt zu lösen.

Der Balkan hat uns im letzten Jahrzehnt schreckliche und tragische Beispiele für diesen Missbrauch der Geschichte zur weiteren Spaltung und zur Anheizung der Konflikte geliefert. Dort wurde ein über Jahrhunderte geführter Dialog zwischen den Kulturen gewaltsam vernichtet. Plötzlich wurden Muslime in Bosnien als „Türken“ bezeichnet und ihre Verfolgung mit angeblichen Gräueltaten ihrer Vorfahren vor 500 Jahren begründet. In diesem Fall hätten eine bessere Kenntnis der Geschichte, der Kultur und der Religion dazu beitragen können, den Übergang vom Kommunismus zur Demokratie zu erleichtern; Kernfragen von Rechten und Pflichten hätten in einem pluralistischen Umfeld, gegründet auf gegenseitiger Achtung, angesprochen werden können.

Im Nahostkonflikt wurden die ohnedies schon schwierigen Territorial-, Nations- und Besitzfragen durch religiöse Meinungsverschiedenheiten über ein Land, das drei Glaubensgemeinschaften als heilig gilt, unendlich erschwert und immer unlösbarer. Was im Wesentlichen als Konflikt zwischen Nationen begann, läuft Gefahr, zusätzlich zu einem Religionskonflikt zu werden. In diesem Fall könnte ein aufrichtiger und konstruktiver Dialog dazu beitragen, die sogenannten Kultur- und Religionsfragen von den politischen und Territorialfragen zu entwirren und einen Lösungsweg aufzeigen, der letztendlich allen Glaubensrichtungen Rechnung trägt und zu einem gerechten Frieden anstatt zu einem endlosen Krieg führt.

In beiden Fällen - auf dem Balken wie im Nahen Osten - könnte ein echter Dialog zwischen Kulturen und Glaubensgemeinschaften, zwischen dem, was als recht und was als unrecht angesehen wird, zwischen Gerechtigkeit und Notwendigkeit noch immer den Protagonisten helfen, ihren Weg zum Frieden zu finden. Ich will nicht behaupten, dass es dabei nicht auch um tiefgreifende und sehr reale Fragen der Selbstbestimmung, der Sicherheit und der Menschenwürde geht. Mit Worten allein werden diese Fragen nicht gelöst werden. Aber ein Dialog der Worte und der Taten - das heißt, gegenseitiger Maßnahmen, die auf Achtung und echtem Verständnis für die Sorgen und Klagen der anderen Seite beruhen - könnte hier einen wirklichen Fortschritt bringen. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Wir sollten mit der Aufnahme dieses Dialogs nicht so lange warten, bis wir uns mitten im Konflikt befinden. Wir sollten diesen Dialog beginnen, wann immer und wo immer sich eine Gelegenheit dafür bietet - oft wird es leichter sein, diesen Dialog möglichst weit entfernt vom Kriegsgeschehen zu führen.


* * * *


(Auszüge aus einer Rede des Generalsekretärs vor der Fakultät für Diplomatie und Internationale Beziehungen
der Seton Hall Universität in South Orange, New Jersey,
vom 5. Februar 2001.)


 


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