Donnerstag, 24 August 2017
UNRIC logo - Deutsch
                

Migration - eine Chance für mehr Wohlstand / von Ban Ki-moon - Gastbeitrag in der Berliner Zeitung

Es ist eine Plattitüde zu sagen, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Weniger verstanden wird aber, dass die Globalisierung in Phasen erfolgt. Wir befinden uns in der zweiten: dem Zeitalter der Mobilität.

In der ersten Phase, als der Fluss von Kapital und Gütern liberalisiert wurde, fiel der Nutzen der Globalisierung vor allem den Industriestaaten und ihren Handelspartnern zu, darunter Brasilien, China und Indien. Da wir nun in das jüngere Zeitalter der Mobilität eintreten, werden sich die Menschen in immer größerer Zahl über Grenzen hinwegbewegen. In ihrem Streben nach mehr Chancen und einem besseren Leben, haben sie das Potenzial, die großen Ungleichheiten einzureißen, die unsere Zeit charakterisieren, und beschleunigen so den Fortschritt in den Entwicklungsstaaten.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Migranten schickten im Jahr 2006 264 Milliarden US-Dollar nach Hause - das Dreifache der internationalen Entwicklungshilfe zusammengenommen. In einigen Ländern stützt sich ein Drittel der Familien auf diese Geldüberweisungen, um nicht in Armut zu leben. Überall in Entwicklungsstaaten finanzieren solche Geldüberweisungen Gesundheitspflege, Erziehung und kleine Unternehmen.

Die freie Bewegung von Menschen hilft, die Weltwirtschaft anzutreiben. Wenn ein Krankenhaus in London Krankenschwestern benötigt, wirbt es sie aus Ghana oder Sierra Leone an. Wenn Google Programmierer sucht, wird es oft in Entwicklungsstaaten fündig. Bis heute war dieser Fluss der Menschen hauptsächlich den reichen Staaten von Vorteil und erregte in den Entwicklungsstaaten Besorgnis über die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte. Unser Wissen aber nimmt zu, wie die Migrationsgleichung für alle funktioniert.
Allerdings, anstatt auf den potenziellen Entwicklungsnutzen aus der Migration zu sehen, haben sich die Staaten zu langsam angepasst. Das Resultat ist eine steigende illegale Immigration, soziale Spannungen, Diskriminierung und ein Vertrauensverlust in den Staat sowie ein Machtzugewinn krimineller Netzwerke.

Frühere Zeitalter haben bereits Migration in ähnlichem Ausmaß gesehen. Um 1900 waren etwa drei Prozent der Weltbevölkerung in Bewegung. 100 Jahre später gibt es nach Schätzungen der Vereinten Nationen 191 Millionen internationale Migranten, also etwa dasselbe Größenverhältnis. Und diese Zahl steigt. Nach einem neuen Bericht der OECD erlebten die Industriestaaten einen Migrationsanstieg im Jahr 2005 mit einer Zuwachsrate von etwa zehn Prozent.

Im September 2006 haben die Vereinten Nationen zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Gipfel zur Migration abgehalten. Viele haben vorausgesagt, dass die Industrie- und die Entwicklungsstaaten in Streit geraten würden - die letzteren würden die Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften und die Verletzung von Migrantenrechten lautstark verdammen, und erstere würden einfach den Saal verlassen. Stattdessen sind mehr als 100 Staaten einen konstruktiven Austausch eingegangen. Die Erfahrung war so positiv, dass sie einen von meinem Vorgänger verfochtenen Vorschlag annahmen, ein Globales Forum über Migration und Entwicklung einzurichten. Das erste Forum beginnt am 9. Juli in Brüssel mit 800 Delegierten aus mehr als 140 Staaten.

Das Globale Forum verkörpert einen wichtigen ersten Schritt, die Macht der Migration zur Förderung der Entwicklung nutzbar zu machen.Wir werden von Projekten wie IntEnt in den Niederlanden lernen, das Migranten geholfen hat, mehr als 200 Unternehmen in ihren Ursprungsländern zu gründen, oder von Mikrobanken in Mexiko, die es an Ort und Stelle ermöglichen, Geldüberweisungen als Investitionen wirksam für die Erziehung, im Gesundheitswesen und Unternehmen einzusetzen, oder vom britischen/südafrikanischen Internationalen Leitfaden zur ethischen Anwerbung von Beschäftigten im Gesundheitswesen, oder von Gesetzen zur doppelten Staatsbürgerscha ft, die es Migranten erlauben, eine größere Rolle in der Entwicklung zu spielen, indem sie ihr Kapital, Wissen und Netzwerke nach Hause zurückbringen.

Wir können nicht die Tatsache verhehlen, dass Migration auch negative Auswirkungen haben kann. Das Globale Forum bietet die Gelegenheit, die Probleme umfassend und proaktiv anzugehen, so dass Industrie- und Entwicklungsstaaten vollständigen Nutzen aus der Migration ziehen. Die Schlüsselelemente dazu sind wichtig für die gesamte Menschheit, nämlich Toleranz, soziale Akzeptanz, Erziehung und gegenseitige Offenheit für kulturelle Verschiedenheit.

Migration kann eine enorm positive Kraft haben. Wenn wir den Hinweisen folgen und ein rationales und zukunftsorientiertes Gespräch darüber beginnen, wie wir unsere gemeinsamen Interessen besser bedienen, können wir gemeinsam helfen, das dritte Zeitalter der Globalisierung einzuleiten - die langerwartete Ära, in der mehr Menschen als jemals zuvor am Reichtum der Welt teilhaben.

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777

UN Card 2016 DE 250px front