Mitteilung für die Medien Nr. 10 Aralseeproblematik:
Ein Beispiel für das Ausmaß der Wasserübernutzung ist der Karakum-Kanal, der dem Amu-Darja, einem der beiden Zuflüsse des Aralsees, jährlich über ein Drittel seiner Wassermenge entzieht und es durch die Karakum-Wüste in die Baumwollbewässerungsgebiete leitet, wo einerseits durch Verdunstung und andererseits durch ineffiziente Bewässerungssysteme ein großer Teil der wertvollen Ressource verloren geht. Veraltete Kanäle, aber auch eine Spirale ständig zunehmenden Wassereinsatzes zum Spülen der durch die steigende Versalzung fast unproduktiv gewordenen Felder führen zu diesem Wassermissmanagement. Aus der Diskrepanz zwischen Wasserangebot und Wasserverbrauch ergibt sich eine potentielle Konfliktsituation sowohl innerhalb als auch zwischen den einzelnen zentralasiatischen Republiken. Aus dem Gebiet von zwei der Republiken (Kirgisien und Tadschikistan) kommen etwa 80-90% der Wasservorräte, die aus der Schnee- und Gletscherschmelze stammen. Die anderen Republiken sind im wesentlichen die Verbraucher dieser Wasservorräte, insbesondere die Baumwollrepubliken Usbekistan und Turkmenistan. Die Verschmutzung der Flussläufe des Amu Darja und des Syr Darja mit Düngemitteln und Pestiziden verschärft diese Situation noch, so dass nicht ausreichend Trinkwasser zur Verfügung steht. Darüber hinaus werden jedes Jahr ungefähr 75 Millionen Tonnen Salz und giftiger Staub durch Steppenstürme in der Region verteilt. Dieser Giftstaub besteht unter anderem aus den chemischen Restpartikeln der Pestizide, Düngemittel und industriellen Abwässer, die auf dem trockengefallenen Aralseeboden zurückgeblieben sind. Um Baumwollverluste zu vermeiden, wurden in Usbekistan während der Zeit der Sowjetunion durchschnittlich 15 kg Pestizide pro Hektar jährlich in den bewässerten Gebieten eingesetzt mit Spitzen bis zu 54 kg (im Vergleich dazu im Baumwollanbau in den USA 1,6 kg/ha/Jahr). DDT und andere hochgradig toxische Pestizide waren bis 1987 erlaubt. Eines der am stärksten betroffenen Gebiete ist die in Usbekistan liegende autonome Region Karakalpakstan, wo zwischen 1960 und 1990 unter anderem zehntausende Tonnen Agent Orange (von den USA im Vietnam-Krieg verwendet) als Entlaubungsmittel bei der mechanischen Baumwollernte eingesetzt wurden. Die toxischen Drainageabwässer und Flüsse speisen die Grundwasserschichten und vergiften die Grundwasservorräte. Seit der Bildung der unabhängigen GUS-Republiken ist der Chemikalieneinsatz zurückgegangen. Die Wasserqualität hat sich jedoch noch nicht wesentlich verbessert. In Karalpakstan ist das Trinkwasser praktisch vergiftet. Die Säuglingssterblichkeit dort ist die höchste in der ehemaligen Sowjetunion. Die betroffenen GUS-Republiken Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisien sind sich der komplexen Problematik und des ihr innewohnenden Konflikt- und Krisenpotentials durchaus bewusst und haben seit Beginn der 90er Jahre verstärkt Schritte zu ihrer Lösung unternommen. So wurde 1993 zwischen den fünf Republiken ein Abkommen geschlossen, demzufolge die hydrologischen Daten, die für die Steuerung der Wasserwirtschaft unerlässlich sind, allen Republiken zur Verfügung stehen. Auch die Konstituierung länderübergreifender Gremien wie beispielsweise das zwischenstaatlichen Koordinationsausschusses für Wasservorräte (Intergovernmental Coordination Committee for Water Supply) und die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie Weltbank, UNEP, UNESCO Fördern die regionale Transparenz und Zusammenarbeit zur Vermeidung von Konfliktsituationen. Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und das UNCCD-Sekretariat erachten das Bestreben der zentralasiatischen Republiken, gemeinsam integrierte Lösungsansätze zu suchen, für überaus wichtig und werden diese Republiken bei der Erarbeitung eines Subregionalen Aktionsprogrammes zur Desertifikationsbekämpfung unterstützen. Ökologische Katastrophen wie im Aralseebecken sind auch andernorts möglich. So ist der Tschadsee zwischen 1970 und 1994 von 20.000 km2 auf 3.000 km2 geschrumpft. Die Ursachen sind zu einem großen Teil vom Menschen hervorgerufen, aber auch klimatisch bedingt. Das stellt die Republik Tschad vor zum Teil ähnliche Probleme. Aus den Erfahrungen in der Aralseeregion lassen sich für andere betroffene Gebiete wichtige Lösungsansätze ableiten. November 1999 |