Fragen & Antworten


Vorstellung & Wirklichkeit

Kapitel 6

Wer arbeitet eigentlich bei den Vereinten Nationen, und was tun diese Leute?

“... die Bediensteten [der Vereinten Nationen] dürfen ... von einer Autorität außerhalb der Organisation Weisungen weder erbitten noch entgegennehmen“

Charta der Vereinten Nationen, 1945


Wer arbeitet bei den Vereinten Nationen?

Wirtschaftswissenschaftler, Übersetzer, Statistiker, Sekretärinnen, Fernsehproduzenten, Computerfachleute, Ärzte, Tischler sind nur einige der Berufsgruppen der großen Bandbreite von Menschen mit den verschiedensten Fähigkeiten und unterschiedlichster Herkunft, die als Bedienstete der Vereinten Nationen tätig sind.

Das Sekretariat der Vereinten Nationen beschäftigt etwa 8.700 aus dem ordentlichen Haushalt finanzierte Bedienstete. Diese verwalten die Politiken und Programme der Organisation in New York und an anderen Dienstorten auf der ganzen Welt. Das UNO-System insgesamt – die Organisation, die mit ihr verbundenen Programme und die Sonderorganisationen, einschließlich der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds – beschäftigt etwa 53.300 Menschen weltweit.

Diese Bediensteten sind Mitglieder des “internationalen öffentlichen Dienstes“, eine Kategorie, die noch auf den Völkerbund und davor zurückgeht. Nur der Generalsekretär und die hochrangigsten Vertreter des UNO-Systems – also weltweit weniger als 90 Bedienstete – genießen Diplomatenstatus.

Sind die Delegierten Bedienstete der Vereinten Nationen?

Nein. Die Delegierten arbeiten für ihre Regierungen und nicht für die Vereinten Nationen. Im Blickpunkt des öffentlichen Interesses stehend vertreten sie ihre Regierungen auf den Tagungen der Vereinten Nationen. Für gewöhnlich gehören sie dem auswärtigen Dienst ihres Landes an und werden nicht von den Vereinten Nationen, sondern von ihrer eigenen Regierung bezahlt. Sie genießen die nach dem Völkerrecht für Diplomaten auf der ganzen Welt vorgesehenen Vorrechte und Immunitäten. Jedes Jahr kommen nahezu 3.000 Diplomaten von September bis Dezember nach New York, um an der Jahrestagung der Generalversammlung teilzunehmen.

In New York unterhalten alle Mitgliedstaaten “ständige Vertretungen“, die nichts anderes als Botschaften des Landes bei den Vereinten Nationen sind. Diese Vertretungen werden von Botschaftern geleitet, die “ständige Vertreter“ genannt werden und den Kern des diplomatischen Korps in New York bilden.


Wie werden die Mitarbeiter ausgewählt?

In der Charta der Vereinten Nationen heißt es, “bei der Einstellung der Bediensteten und der Regelung ihres Dienstverhältnisses gilt als ausschlaggebend der Gesichtspunkt, daß es notwendig ist, ein Höchstmaß an Leistungsfähigkeit, fachlichem Können und Integrität zu gewährleisten“. Schließlich heißt es noch, daß “der Umstand, daß es wichtig ist, die Auswahl der Bediensteten auf möglichst breiter geographischer Grundlage vorzunehmen“, gebührend zu berücksichtigen ist.

Um eine solche Vielfalt zu gewährleisten, stellen die Vereinten Nationen qualifizierte Kräfte aus möglichst vielen Ländern ein. Mitarbeiter werden weltweit eingestellt. Schwierige Auswahlverfahren werden zur Einstellung von Nachwuchskräften im höheren Dienst abgehalten.

Im Zuge seines Reformprogramms hat der Generalsekretär Anfang 1997 auch einen neuen Verhaltenskodex für Mitarbeiter der Vereinten Nationen vorgelegt, der die Erwartungen der Organisation an die Arbeitsleistung ihrer Mitarbeiter festlegt und die in der UNO-Charta niedergelegten Kriterien neuerlich unterstreicht. Der Kodex betont außerdem den Grundsatz der persönlichen Verantwortung für die Ausübung eines Amtes, enthält Normen zur Verhinderung eines wirklichen oder auch nur scheinbaren Interessenkonfliktes und sieht die Offenlegung der finanziellen Verhältnisse leitender Beamter der Organisation vor.

Warum ist eine geographisch ausgewogene Zusammensetzung des Personals erforderlich?

Die personelle Zusammensetzung des Sekretariats muß ein Abbild der gesamten Völkergemeinschaft sein, wenn sie die große Vielfalt von politischen, sozialen und kulturellen Systemen berücksichtigen soll und die Vereinten Nationen das Vertrauen aller Mitgliedstaaten haben sollen. Mehr als 170 der insgesamt 185 Mitgliedstaaten sind im Sekretariat vertreten.

Kommen die Mitarbeiter des Sekretariats überwiegend aus Entwicklungsländern?

Keineswegs. Die Generalversammlung hat vielmehr immer wieder verlangt, daß im Sekretariat, vor allem in den leitenden Positionen, für eine angemessenere Vertretung der Entwicklungsländer gesorgt werden muß. Derzeit stellen Angehörige der Entwicklungsländer 45 Prozent der Dienstposten des höheren Dienstes bei den Vereinten Nationen, in herausgehobenen Positionen 51 Prozent. Die Entwicklungsländer machen 78 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Sind die Industrieländer angemessen vertreten?

Westeuropa und Nordamerika/Karibik sind zwei Regionen, die mit 23 beziehungsweise 20 Prozent den größten Anteil von Dienstposten des höheren Dienstes stellen. Die Vereinigten Staaten (mit 378 Bediensteten), die Russische Föderation (132) und Deutschland (131) haben die höchste Anzahl dieser Dienstposten innerhalb der Vereinten Nationen inne.

Im Sekretariat insgesamt stellen die Vereinigten Staaten mit mehr als 1.250 Bediensteten die größten nationalen Gruppen dar.

Wie ist es um die Vertretung der Frauen bestellt?

Die Vereinten Nationen haben sich darum bemüht, die Chancengleichheit für Frauen zu gewährleisten und jede Diskriminierung zu vermeiden. Dies steht im Einklang mit der UNO-Charta (Artikel 8), worin festgelegt ist, daß “die Vereinten Nationen hinsichtlich der Anwartschaft auf alle Stellen in ihren Haupt- und Nebenorganen die Gleichberechtigung von Männern und Frauen nicht einschränken“.

Der Generalsekretär hat 1994 einen Aktionsplan zur Verbesserung der Vertretung von Frauen im höheren Dienst vorgelegt. Die Zielwerte sind ein 25prozentiger Anteil von Frauen in leitenden Positionen bis zum Jahre 1997 und ein 50prozentiger Anteil für alle Positionen im höheren Dienst bis zum Jahr 2000 (einige Hauptabteilungen, wie das UNO-Büro für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, haben die Geschlechterparität bereits erzielt). Die Anzahl der Ernennungen und Beförderungen von Frauen in Führungspositionen hat sich in den letzten fünf Jahren beinahe verdoppelt.

Mitte 1997 hatten Frauen 35 Prozent der Dienstposten des höheren Dienstes inne, womit sie das von der Generalversammlung festgelegte Ziel erreichen und ihre Position von 22 Prozent im Jahre 1981 verbessern konnten. In den leitenden Positionen des Sekretariats haben die Frauen 18 Prozent der Posten inne. Fünf der 27 Programme des UNO-Systems wurden von Frauen geleitet.

Die vom Generalsekretär im Zuge seines Reformprogramms vorgeschlagene und von der Generalversammlung im Dezember 1997 gebilligte Funktion eines stellvertretenden UNO-Generalsekretärs wurde Anfang 1998 mit der stellvertretenden kanadischen Verteidigungsministerin Louise Frechette besetzt, die damit zur ranghöchsten Frau im UNO-Sekretariat wurde.

Was das bei den Vereinten Nationen tätige diplomatische Korps anbelangt, waren 1997 von den 185 Ständigen Vertretern (also Botschaftern) bei den Vereinten Nationen 7 Frauen, die Guinea, Jamaika, Kasachstan, Kirgisien, Liechtenstein, Trinidad und Tobago, sowie Turkmenien vertreten.

Genießen die Bediensteten der Vereinten Nationen besondere Vorrechte?

Die Bediensteten der Vereinten Nationen genießen keine besonderen Vorrechte oder Immunität und unterliegen allen Gesetzen des Gastlandes. Nur der Generalsekretär und die Beamten der höchsten Führungsebenen genießen dieselben Vorrechte und Immunitäten wie Botschafter.

Tatsächlich wird den Bediensteten der Vereinten Nationen weder jener Schutz zuteil, den viele Angehörige nationaler öffentlicher Dienste genießen, noch verfügen sie über die Vorteile, die die meisten Angehörigen des diplomatischen Korps für sich in Anspruch nehmen können.

Haben die Vereinten Nationen zu viele Bedienstete?

Die Anzahl der weltweit bei den Vereinten Nationen Beschäftigten (etwa 8.700 Mitarbeiter im UNO-Sekretariat und etwa 53.300 Bedienstete im gesamten UNO-System) ist für eine Organisation, die praktisch in allen Bereichen der Förderung des Wohls der Menschheit tätig ist – Frieden, Entwicklung, humanitäre Nothilfe – erstaunlich klein. Das gesamte UNO-System hat weniger Bedienstete als der öffentliche Dienst der schwedischen Hauptstadt Stockholm oderder öffentliche Dienst im Freistaat Thüringen; Disneyland, Disneyworld und Eurodisney beschäftigen mehr Menschen als das gesamte UNO-System; und McDonald's verfügt über dreimal so viele Beschäftigte.

Sind die UNO-Bediensteten überbezahlt?

Um wirksam arbeiten zu können, müssen die Vereinten Nationen hochqualifizierte Leute ansprechen können. Die Mitgliedstaaten stimmen darin überein, daß die Gehälter der Vereinten Nationen mit denjenigen des bestbezahlten einzelstaatlichen öffentlichen Dienstes vergleichbar sein sollen, nämlich den Vereinigten Staaten.

Die Gehälter der UNO-Bediensteten sind jedoch mittlerweile weit unterhalb diejenigen einzelstaatlicher öffentlicher Dienste und anderer internationaler Organisationen gesunken und können mit den im Privatsektor einiger Länder bezahlten Gehältern noch viel weniger Schritt halten. Viele Leiter von UNO-Organisationen haben bezüglich der nicht mehr wettbewerbsfähigen Beschäftigungsbedingungen Besorgnis geäußert.

Für Fachleute aus Deutschland, Frankreich, Japan und vielen anderen Ländern wäre ein Eintritt bei den Vereinten Nationen mit einer Minderung ihres Gehalts und ihrer sonstigen Vergünstigungen verbunden. Daher haben die Vereinten Nationen Schwierigkeiten, Mitarbeiter aus Ländern mit höherem Gehaltsniveau zu gewinnen und längerfristig an die Organisation zu binden, insbesondere wenn es sich um höhere Positionen handelt.

In der UNO-Charta heißt es, daß bei der Einstellung der Bediensteten und bei der Regelung ihres Dienstverhältnisses als ausschlaggebend gilt, daß es notwendig ist, “ein Höchstmaß an Leistungsfähigkeit, fachlicher Eignung und Ehrenhaftigkeit zu gewährleisten“. Wollen die Vereinten Nationen weiterhin attraktiv genug sein, um hochqualifizierte Mitarbeiter für sich zu gewinnen, müssen sie ein wettbewerbsfähiger Arbeitgeber mit attraktiven Arbeitsbedingungen sein.

Sind die UNO-Bediensteten für ihre Leistung verantwortlich?

Die Leistung der Bediensteten wird von ihren Vorgesetzten und Führungskräften ständig überprüft. Zusätzlich werden die UNO-Bediensteten alle sechs Monate auf der Grundlage eines Leistungsbeurteilungssystems bewertet, welches eine detaillierte Einschätzung ihrer Produktivität ermöglicht. Die Bediensteten sind daher an einer positiven Beurteilung interessiert, insbesondere jene 50 Prozent der Bediensteten, die befristete Verträge haben. Zusätzlich hat das Amt für interne Aufsichtsdienste die Aufgabe, die Kompetenz der Führungskräfte zu untersuchen.

Der neue Verhaltenskodex für UNO-Mitarbeiter unterstreicht den Grundsatz der persönlichen Verantwortlichkeit für die Ausübung eines Amtes in den Vereinten Nationen.

Zahlen die UNO-Bediensteten Steuern?

Ja, und zwar in Form einer “Personalabgabe“ genannten Einkommensteuer, die ihnen von den Vereinten Nationen vom Bruttogehalt abgezogen wird und in der Größenordnung von 30 bis 34 Prozent liegt. Es handelt sich dabei um eine Pauschalsteuer, bei der keine Steuerabzüge möglich sind.

Zusätzlich zahlen die Mitarbeiter der Vereinten Nationen (abgesehen von den wenigen mit Diplomatenstatus) dieselben Umsatz-, Grund- und sonstigen Steuern wie jeder andere auch.

Erhalten die UNO-Bediensteten viele Vergünstigungen?

Nein. Was den Urlaub, die Krankenversicherung, die Pension usw. anbelangt, entsprechen die Vergünstigungen bei den Vereinten Nationen denjenigen, die von den Regierungen und dem Privatsektor im Auslandsdienst angeboten werden.

Obwohl viele Menschen die Vorstellung einer Tätigkeit bei den Vereinten Nationen mit dem Dienstort New York verbinden, leben und arbeiten viele Bedienstete weit entfernt vom UNO-Amtssitz – oft in Ländern, die von Armut und Krieg heimgesucht werden.

 


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