UNO-Generalsekret”r
 

Die humanit”re Herausforderung annehmen
Auf dem Weg zu einer Kultur der Pr”vention

Von Kofi Annan,
Generalsekret”r der Vereinten Nationen


Die Ursachen verstehen:
Der erste Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Pr”vention


Die Aufstellung wirksamer Pr”ventionsstrategien setzt ein klares Verst”ndnis der den Problemen zugrunde liegenden Ursachen voraus. Wenn es um Katastrophen geht, so sind die Antworten vergleichsweise einfach; Kriege bieten indessen ein komplizierteres Bild.

Die Orte, an denen Menschen zusammenleben, werden immer Gef”hrdungen durch die Natur - Ðberschwemmungen, D¸rren, St¸rmen oder Erdbeben - ausgesetzt sein. Heute sind jedoch zuweilen die Menschen selbst Urheber von Katastrophen, die fast alle durch menschliche T”tigkeit - oder Unt”tigkeit - noch verschlimmert werden. Das Wort “Naturkatastrophe“ wird immer mehr zu einer anachronistischen Fehlbezeichnung. In Wirklichkeit werden die von der Natur ausgehenden Gefahren erst durch menschliches Verhalten zu dem, was man eigentlich als “unnat¸rliche“ Katastrophen bezeichnen sollte.

Der Tribut, den die Naturgefahren fordern, steigt durch Armut und Bev–lkerungsdruck, da immer mehr Menschen gezwungen sind, dort zu leben, wo sich diese Gefahren manifestieren - in Flutebenen, erdbebengef”hrdeten Gebieten und an erdrutschgef”hrdeten H”ngen. Es ist kein Zufall, daþ mehr als 90 Prozent aller Katastrophenopfer weltweit in den Entwicklungsl”ndern leben.

Auf Dauer nicht tragf”hige Entwicklungspraktiken tragen ebenfalls dazu bei, die Folgen des nat¸rlichen Gefahrenpotentials zu verschlimmern. Durch massive Abholzung verringert sich die F”higkeit des Bodens zur Aufnahme heftiger Regenf”lle und erh–ht sich die Wahrscheinlichkeit von Erosion und Ðberschwemmungen. Infolge der Zerst–rung von Feuchtgebieten kann der Boden groþe Mengen abstr–menden Oberfl”chenwassers schlechter aufnehmen, was wiederum die Ðberschwemmungsgefahr erh–ht. Diese und ”hnliche Umwelts¸nden zwangen 1998 sch”tzungsweise 25 Millionen Menschen, ihren Grund und Boden zu verlassen und in ¸berf¸llte und oftmals katastrophenanf”llige St”dte zu ziehen.

Durchschnittstemperatur
der Erdoberfl”che

Durchschnittstemperatur der Erdoberfl”che (68789 bytes)

Angaben: in Grad Celsius
Quelle: Goddard Institute for Space Studies

 

Die Erde hat zwar schon immer nat¸rliche Zyklen der Erw”rmung und der Abk¸hlung durchlaufen, doch fielen die 14 heiþesten Jahre seit Beginn der Messungen in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die vergangenen beiden Dekaden, wobei das Jahr 1998 das heiþeste statistisch erfaþte Jahr war. Obwohl dies in manchen Kreisen auch weiterhin bestritten wird, h”ufen sich doch die Beweise daf¸r, daþ die derzeitige Erw”rmungsphase und die damit einhergehenden extremen Klimaph”nomene auf den Anstieg der Kohlenstoffemissionen zur¸ckzuf¸hren sind, die zum Groþteil durch menschliche Eingriffe verursacht werden.

Es liegt in der Natur der Sache, daþ die Ursachen von Kriegen schwieriger zu erkl”ren sind als die von Naturph”nomenen. Das Sozialverhalten unterliegt nicht in gleicher Weise physikalischen Gesetzen wie Wirbelst¸rme oder Erdbeben; die Menschen gestalten ihre Geschichte selbst, oftmals mit Gewalt und manchmal ohne daþ es eine Erkl”rung g”be. Die Kausalit”ten sind daher komplex, vielschichtig und von Krieg zu Krieg oftmals grundlegend verschieden.

Einige Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit eines Krieges erh–hen, lassen sich jedoch nennen. In den vergangenen Jahren wurden arme L”nder mit weitaus h–herer Wahrscheinlichkeit in bewaffnete Konflikte verstrickt als reiche L”nder. Doch Armut an sich scheint nicht das Ausschlaggebende zu sein; der Groþteil der armen L”nder lebt die meiste Zeit in Frieden.

Eine von der Universit”t der Vereinten Nationen unl”ngst erstellte Studie zeigt, daþ L”nder, in denen Krieg herrscht, in der Regel auch von mangelnder Gleichberechtigung der gesellschaftlichen Gruppen im Lande gepr”gt werden. Dies scheint, weit eher als die Armut, der maþgebliche Faktor zu sein. Gleichviel, ob Volksgruppen- oder Religionszugeh–rigkeit, nationale Identit”t oder wirtschaftliche Klassenzugeh–rigkeit dieser mangelnden Gleichberechtigung zugrunde liegen, findet sie zumeist ihren Ausdruck in einem ungleichberechtigten Zugang zu politischer Macht, wodurch allzuoft der Weg zu friedlichem Wandel versperrt wird.

Auch wirtschaftlicher Niedergang steht mit gewaltt”tigen Konflikten in engem Zusammenhang, nicht zuletzt, weil die Politik bei rezessiver Wirtschaftslage inh”rent konflikttr”chtiger ist als zu Zeiten des Wirtschaftswachstums. In manchen F”llen k–nnen die Auswirkungen radikaler marktwirtschaftlicher Reformen und Strukturanpassungsprogramme, die ohne ausgleichende sozialpolitische Maþnahmen durchgesetzt werden, die politische Stabilit”t untergraben. Allgemeiner gesehen, haben schwache Regierungen - und nat¸rlich zerfallene Staaten - dem Ausbruch und der Ausbreitung von Gewalt, die von besser organisierten und legitimierten Regierungen h”tten verhindert oder einged”mmt werden k–nnen, nur wenig entgegenzusetzen.

Der Ðbergang von der latenten Kriegsgefahr zum Krieg selbst kann durch das gezielte Sch¸ren schwelender Unzufriedenheit sowie durch den demagogischen Miþbrauch ethnischer, religi–ser oder nationalistischer Mythen und die F–rderung entmenschlichender Ideologien ausgel–st werden, wobei Hetzmedien oftmals die Tr”ger sind. Das weitverbreitete Aufkommen einer sogenannten “Identit”tspolitik“ in Verbindung mit der Tatsache, daþ weniger als 20 Prozent aller Staaten ethnisch homogen sind, bedeutet, daþ politische Demagogen kaum Schwierigkeiten haben, opportune Ziele und Unterst¸tzung f¸r ihre chauvinistischen Anliegen zu finden. Die enorme Zunahme “ethnischer S”uberungen“ in den neunziger Jahren l”þt auf krasse Weise deutlich werden, welch furchtbaren Blutzoll eine solche b–swillige Ausbeutung der Identit”tspolitik fordern kann.

In anderen F”llen haben bewaffnete Konflikte weniger mit ethnischen, nationalen oder anderen Feindschaften zu tun als mit dem Kampf um die Verf¸gungsgewalt ¸ber wirtschaftliche Ressourcen. Eine Reihe innerstaatlicher Kriege wird heute um Diamanten, Drogen, Einschlagkonzessionen und andere wertvolle Rohstoffe gef¸hrt. In manchen L”ndern ist der umk”mpfte Preis die F”higkeit der Staatsmacht, der Gesellschaft Ressourcen zu entziehen und G¸nstlingen und politischen Verb¸ndeten Vorteile zukommen zu lassen. In anderen L”ndern haben Rebellengruppen und ihre Anh”nger die Verf¸gungsgewalt ¸ber den Groþteil der Ressourcen - und die damit verbundenen Pfr¸nde.

Bewaffnete Konflikte
1989-1998

Bewaffnete Konflikte, 1989-1998 (70228 bytes)

Anmerkung: “Krieg“ ist definiert als bewaffnete Auseinandersetzung mit 1.000 oder mehr Gefallenen im Jahr. Die Kategorie “Alle Konflikte“ beinhaltet alle bewaffneten Konflikte mit 25 oder mehr Gefallenen im Jahr, einschlieþlich Kriegen.

Quelle: Wallensteen und Sollenberg. Universit”t Uppsala, Schweden (1999)

 

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