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Das
Bild des In-die-Jahre-Kommens der Menschheit hat
auch eine bedeutsame geschlechtsspezifische Dimension. Frauen
leben fast überall länger als Männer. Frauen
tragen das größere Risiko, im Alter in Armut zu leben.
Sie sind eher als Männer durch chronische Erkrankungen
und Behinderungen, Diskriminierung und Ausgrenzung gefährdet.
Auch die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen Pflegeverantwortung
übernehmen müssen, ist größer, und manche
haben eine Dreifachbelastung zu tragen: Kinderbetreuung, Altenbetreuung
und die Sorge für ihr eigenes Wohlbefinden. Doch diese
Leistungen - für ihre Familie, ihre Gemeinschaft und die
Wirtschaft - werden oft übersehen.
UNO-Generalsekretär Kofi A. Annan
Auch in
besten Zeiten und am besten Ort brauchen ältere Menschen
oft Hilfe, doch ältere Frauen müssen mehr als alle
anderen damit rechnen, in eine Lage zu geraten, in der sie mehr
als nur gelegentliche Hilfe brauchen. Sie benötigen besondere
Aufmerksamkeit und Schutz.
Ältere
Frauen fallen öfter als Männer der Armut anheim. Nach
einem Arbeitsleben in schlechter bezahlten Jobs - auch unbezahlten
Jobs wie Hausarbeit - haben sie im Alter oft keine und nur unzureichende
Mittel, um ihren Unterhalt zu bestreiten. Die Wahrscheinlichkeit,
dass sie eine regelmäßige Alterspension beziehen,
ist äußerst gering.
Ältere
Frauen brauchen zwar eine gewisse Hilfe seitens der Gesellschaft,
doch sie haben auch viel beizutragen. Mit ihrem Wissen und Können,
dass sie sich in lebenslanger Arbeit angeeignet haben, können
sie eine unersetzliche Rolle in der Familie und der Gemeinschaft
spielen - wenn man es ihnen erlaubt, ihren Beitrag zu leisten.
Ihre Fähigkeiten
zu nutzen, liegt im Interesse der Gemeinschaft und der Gesellschaft
insgesamt.
Geschlecht, Altern und Armut
Der zunehmende
Anteil der Frauen an der älteren Bevölkerung ist ein
weltweites Phänomen. In fast allen Ländern leben Frauen
länger als Männer - in manchen Fällen viel länger.
Heute stehen 328 Millionen Frauen über 60 nur 265 Millionen
Männern über 60 gegenüber. Je älter die
Bevölkerung wird, umso deutlicher wird der Unterschied.
Und allzu oft werden sie umso ärmer, je älter sie
werden.
Frauen hatten
schon immer weniger Möglichkeiten als Männer, Geld
zu verdienen und zu sparen. Meist verdienen sie für dieselbe
Arbeit weniger als Männer, und sie finden eher Arbeit im
informellen Sektor. Wenn sie einer geregelten Erwerbstätigkeit
nachgehen, so tun sie dies für kürzere Zeit und unregelmäßiger,
da sie ihr Erwerbsleben unterbrechen, um ihren familiären
Pflichten nachzukommen, oder um einen älteren Angehörigen
zu pflegen. Da Frauen weniger verdienen als Männer, erhalten
sie auch, wenn überhaupt, eine geringere Alterspension.
Die Sozialversicherung, die eigentlich älteren Menschen
Sicherheit geben sollte, wurde zum Nachteil der Frauen für
Erwerbstätige geschaffen und berücksichtigt weder
Hausarbeit noch Kindererziehung oder Altenbetreuung.
In vielen
Ländern werden Frauen auch durch kulturelle Sitten und
Gebräuche und durch das Rechtssystem benachteiligt. Frauen
haben oft eine untergeordnete soziale Stellung, die ihnen den
Erwerb von Eigentum untersagt oder ihre Erbfähigkeit einschränkt.
In manchen Systemen beträgt das Erbteil der Töchter
nur die Hälfte dessen, was ihre Brüder erben, und
das Erbteil der Mütter ist noch geringer. In einigen Ländern
wird einer verwitweten Frau zwar das Sorgerecht für ihre
Kinder zugestanden, die gesetzliche Vormundschaft - und damit
auch die Kontrolle über Besitz und Vermögen der Kinder
- geht jedoch auf einen männlichen Verwandten über.
Eine extreme
Form der Diskriminierung liegt vor, wenn ältere Frauen
für lokale Katastrophen, Unfälle, Ernteausfälle
oder Schlechtwetter verantwortlich gemacht und der Hexerei beschuldigt
werden. In diesen Fällen werden sie verstoßen, weggejagt,
geschlagen oder sogar getötet.
Unterstützungssysteme für ältere Menschen
Die meisten
Gesellschaften der Entwicklungsländer überlassen die
Altenpflege dem traditionellen Unterstützungsnetz der Familie
- worunter meistens die Frauen zu verstehen sind -, während
es in den Industriestaaten in der Regel staatliche Pensions-
und Betreuungssysteme gibt. Durch die zunehmende Überalterung
der Bevölkerung und die abnehmende Verfügbarkeit von
Betreuung in der Familie sind die Betreuungssysteme für
ältere Menschen praktisch überall an die Grenzen ihrer
Belastbarkeit gestoßen.
Die Bevölkerung
in den Entwicklungsländern ist rascher gealtert als in
den Industriestaaten, was dazu führt, dass es dort in relativ
kurzer Zeit weniger junge Leute geben wird, die für viele
alte Menschen sorgen müssen. Bis zum Jahr 2030 werden 75
Prozent der älteren Bevölkerung in den Entwicklungsländern
leben. Gleichzeitig sind die traditionellen Werte, auf denen
diese familiären Unterstützungssysteme beruhen, selbst
unter Druck geraten und beginnen, sich zu verändern.
In traditionellen
Gesellschaften kontrollieren ältere Menschen gewisse Ressourcen,
und sie werden als Bewahrer der Weisheit angesehen. Sie werden
daher mit großer Wertschätzung behandelt und haben
einen geachteten Status. Doch Modernisierung und Industrialisierung
sind im Begriff, diese traditionellen Wertesysteme zu verändern:
wirtschaftlicher Erfolg und eine formale Ausbildung werden höher
gewertet als Alter und Weisheit. Somit verringert sich langsam
das Ansehen, das ältere Männer und Frauen in traditionellen
Gesellschaften genießen, die Pflegebereitschaft nimmt
ab, und die traditionellen Unterstützungssysteme reichen
nicht mehr aus, wenn sie nicht durch zusätzliche Hilfsmaßnahmen
ergänzt werden.
Auch Landflucht
und Migration schwächen die traditionellen Unterstützungssysteme.
Junge Leute lassen ihre älteren Angehörigen zurück,
wenn sie in die Stadt ziehen. In der Stadt beginnen oft auch
junge Frauen zu arbeiten, wodurch sie nicht mehr für die
Betreuung alter Familienangehöriger zu Hause zur Verfügung
stehen.
In den Industriestaaten
leben die meisten alten Menschen nicht bei ihren Kindern und
werden auch nicht auf andere Weise von ihren Familien versorgt.
Sie leben größtenteils mit ihrem Ehepartner und bestreiten
ihren Lebensunterhalt mit ihrer Altersrente. Aber auch hier
sind Frauen erheblich im Nachteil. Wenn der Ehemann stirbt,
erhält die Witwe nicht die selbe finanzielle Unterstützung
in Form der staatlichen Altersversorgung wie ihr Mann. Möglicherweise
überlebt sie ihn aber um viele Jahre. Und sie läuft
viel eher Gefahr, isoliert und ausgegrenzt zu werden.
Wenn die
Familie für die Pflege sorgen muss, sind meist die Frauen
gefordert. Von Frauen in allen Gesellschaften wird erwartet,
dass sie unbezahlt Pflegeverantwortung übernehmen. Vor
allem in der industrialisierten Welt kann für Frauen daraus
ein wahrer Teufelskreis entstehen: Die Tatsache, dass von ihnen
unbezahlte Arbeit erwartet wird, kann sich nachteilig auf ihre
berufliche Laufbahn und ihren Pensionsanspruch auswirken, da
sie gelegentlich ihrem Arbeitsplatz fernbleiben müssen.
Ihre geringere Pension oder sonstige Altersversorgung führt
schließlich zu größerer Abhängigkeit von
anderen Familienmitgliedern, meist Frauen, wenn sie selbst Betreuung
brauchen. Ohne staatliche oder soziale Maßnahmen setzt
sich der Kreis fort.
Gesundheit und Wohlergehen
Männer
und Frauen leiden mit zunehmendem Alter an unterschiedlichen
Beschwerden. Männer neigen eher zu akuten Erkrankungen,
die einen Krankenhausaufenthalt erfordern, während Frauen
eher an chronischen Erkrankungen leiden, die zwar meist nicht
lebensbedrohend sind, aber doch verschiedene Verrichtungen erschweren.
Das Gesundheitswesen ist in der Regel auf Akutversorgung abgestellt
und berücksichtigt kaum die Bedürfnisse älterer
Frauen, für die die häusliche Pflege möglicherweise
geeigneter wäre als die Einweisung in ein Krankenhaus oder
in ein Pflegeheim. In manchen Industriestaaten werden Krankenhausaufenthalte
und Anstaltspflege von der Krankenversicherung übernommen,
während die erheblich billigere Hauskrankenpflege nicht
oder nur zu einem geringen Teil gedeckt ist. Ohne Zuschüsse
zur Hauskrankenpflege wird eine Frau, deren Familie die Mittel
für die häusliche Pflege nicht aufbringen kann, wahrscheinlich
wohl oder übel in ein Pflegeheim gebracht werden müssen,
was dem Staat sehr viel teurer kommt. Die AIDS-Pandemie hat
den älteren Frauen als Betreuerinnen eine noch größere
Belastung auferlegt, da sie nun auch Ersatzeltern für die
Kinder ihrer Kinder sein müssen. Doch die Sozialsysteme
hatten noch nicht genügend Zeit, um für diese Betreuerinnen
Vorsorge zu treffen, die oft nicht über die nötigen
finanziellen und körperlichen Möglichkeiten verfügen,
um noch einmal eine Familie großzuziehen. Erschwerend
kommt hinzu, dass ihre erwachsenen Kinder, die ihnen im Alter
eine Stütze hätten sein sollen, nicht mehr da sind.
Hilfe für ältere Frauen ist Hilfe für die
Gesellschaft
Ältere
Frauen haben schon immer einen wichtigen Beitrag geleistet -
als Betreuerinnen, Beraterinnen, Förderinnen, Erzeugerinnen,
politische Entscheidungsträgerinnen, Spendensammlerinnen,
Chronistinnen, Vertraute und als Großmütter oder
Urgroßmütter. Und obwohl sie ihn auch heute noch
leisten - wenn man ihn beziffern würde, wäre er beträchtlich
-, wird er von den politisch Verantwortlichen der Industriestaaten
und der Entwicklungsländer nicht gesehen.
Die geschlechtsspezifische
Dimension des Alterns bedarf besonderer Berücksichtigung,
wenn Pläne, politische Maßnahmen und Programme für
die Bedürfnisse der älteren Menschen beschlossen werden.
Die Probleme älterer Frauen stehen seit 25 Jahren auf der
Tagesordnung der internationalen Gemeinschaft bei Konferenzen
der Vereinten Nationen, doch erst im letzten Jahrzehnt wird
ihnen internationale Aufmerksamkeit geschenkt.
Die zweite Weltversammlung zur Frage des Alterns:
Suche nach den richtigen Rezepten
Die Regierungen
und Gesellschaften müssen nach neuen Antworten auf den
im Wandel befindlichen Alterungsprozess suchen, und in diesen
Antworten müssen die Bedürfnisse der älteren
Frauen Berücksichtigung finden. Die zweite Weltversammlung
zur Frage des Alterns, die im April in Madrid abgehalten wird,
bietet Gelegenheit, Standards für politische Konzepte und
Programme auszuarbeiten, die die Lebensqualität für
alternde Menschen erhöhen. Als Diskussionsgrundlage für
die Versammlung gab der Generalsekretär in zwei Berichten
eine Reihe von Empfehlungen ab:
- Infragestellen
von Klischeevorstellungen - auch der der älteren Menschen
selbst. Durch Medienberichte, Aufklärung und Werbung
sollte gegen Negativklischees vorgegangen und für die
Anerkennung und Förderung der Beiträge älterer
Frauen geworben werden.
- Erhebung
weiterer Informationen - um die Zusammenhänge zwischen
Armut, Altern und Geschlecht besser zu verstehen und mitzuhelfen,
dass geeignete politische Maßnahmen getroffen werden.
- Verbesserung
der Lebensbedingungen und der wirtschaftlichen Absicherung
älterer Frauen - durch Gesetze und Programme, die dafür
sorgen, dass Frauen Arbeitsplätze, gerechte Entlohnung,
Zugang zu Krediten und gleichberechtigten Erbanspruch erhalten,
sowie durch Beseitigung der Benachteiligung in den Pensionssystemen.
- Verbesserung
des Wohlbefindens und des Gesundheitszustands älterer
Frauen - durch Schulung des medizinischen Personals, damit
die besonderen Bedürfnisse älterer Frauen wahrgenommen
und berücksichtigt werden, sowie durch Zugang zu psychischer
Betreuung und Heimhilfe, anstatt chronisch kranke oder teilweise
behinderte Frauen in Anstalten unterzubringen.
- Förderung
des lebenslangen Lernens für Frauen - durch Schulung
oder Umschulung, die älteren Frauen Kenntnisse in modernen
Technologien vermittelt, damit sie voll in die Gesellschaft
integriert bleiben.
- Verbesserung
der Lage und des Wohlbefindens der Frauen, die Betreuungsdienste
leisten - indem anerkannt wird, dass die Betreuung sowohl
im Sinne der Altenpflege als auch der Krankenpflege meist
Frauen obliegt, und dass viele Frauen in dieser Rolle Hilfe
brauchen - die Hilfe der Männer, die Hilfe der Gesellschaft
und Hilfe in Form von Dienstleistungen wie Haushaltshilfe,
Selbsthilfegruppen, spezifischer Betreuung und Schulung und
gelegentliche Entlastung von der Betreuungspflicht zur Erholung.
Dieser Artikel
wurde anhand von Informationen der Abteilung Frauenförderung
in der UNO-Hauptabteilung für wirtschaftliche und soziale
Angelegenheiten verfasst.
Für
nähere Informationen wenden Sie sich bitte an:
UNO-Abteilung
Frauenförderung
Emanuela Calabrini
Tel.: (+1-212) 963-8814
E-Mail: calabrini@un.org
UNO-Hauptabteilung
für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten
Tel.: (+1-212) 963-0500
E-Mail: sidorenko@un.org
UNO-Hauptabteilung
Presse und Information
Tel.: (+1-212) 963-0499
E-Mail: mediainfo@un.org
Herausgegeben
von der Hauptabteilung Presse und Information, Vereinte Nationen,
DPI/2264 - März 2002.
Deutsche
Übersetzung: Informationsdienst der Vereinten Nationen
(UNIS) Wien.
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