Menschenrechte
 

50 Jahre Allgemeine Erklţrung der Menschenrechte (3735 bytes)

Autochthone Bevölkerungsgruppen:
Herausforderungen an die internationale Gemeinschaft

Wachsendes öffentliches Interesse an den autochthonen Bevölkerungsgruppen und ein langer Prozeß internationaler Verhandlungen, an denen Organisationen der autochthonen Bevölkerungsgruppen beteiligt waren, veranlaßte die internationale Gemeinschaft dazu, das Jahr 1993 zum “Internationalen Jahr der autochthonen Bevölkerungsgruppen der Welt“ und die Jahre 1995-2004 zur “Internationalen Dekade der autochthonen Bevölkerungsgruppen der Welt“ zu erklären. Damit sollte weltweite Aufmerksamkeit für die Anliegen der autochthonen Bevölkerungsgruppen mobilisiert werden. Darüber hinaus wird seit 1995 der 9. August als “Internationaler Tag der autochthonen Bevölkerungsgruppen der Welt“ begangen.

Für die Anerkennung der Rechte autochthoner Bevölkerungsgruppen war jeder einzelne dieser Schritte wichtig. Im Zusammenhang mit dem 50jährigen Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte kommt diesen Maßnahmen besondere Bedeutung zu.

Die Erklärung erkennt die angeborene Würde jedes Menschen an und erläutert im Detail die Grundrechte, die allen Menschen zustehen, “ohne irgendeinen Unterschied etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“ zu machen. Im Rahmen einer weltweiten Informationskampagne, die von den Vereinten Nationen 1988 eingeleitet wurde, wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in mehr als 40 indigene Sprachen übersetzt und unter den Gemeinschaften der autochthonen Bevölkerungsgruppen weit verbreitet.

Mit Blick auf die Probleme, denen die Gemeinschaften autochthoner Bevölkerungsgruppen gegenüberstehen, unterstreichen die Vereinten Nationen mit ihrer „Dekade für Menschenrechte und Bildung“ (1995-2004) auch die Bedeutung der Menschenrechtserziehung für alle, nicht zuletzt auch für autochthonen Bevölkerungsgruppen.

Im Jahre 1982 haben die Vereinten Nationen die autochthonen Bevölkerungsgruppen offiziell anerkannt und in Genf die “Arbeitsgruppe für autochthone Bevölkerungsgruppen“, ein spezielles Forum von Menschenrechtsexperten, gegründet. In dieser Arbeitsgruppe findet ein breiter Meinungsaustausch zwischen Vertretern autochthoner Organisationen und Regierungen statt.

Die wichtigsten Fragen, die autochthone Bevölkerungsgruppen betreffen, sind in dem Entwurf einer Erklärung für die Rechte der autochthonen Bevölkerungsgruppen zusammengefaßt. Dieser Entwurf wird derzeit von einer eigenen Arbeitsgruppe beraten. Mit der Ausarbeitung dieses Entwurfes war schon 1985 begonnen worden, aber ein abschließendes Dokument der internationalen Gemeinschaft steht noch immer aus. An diesen Beratungen nehmen sowohl Vertreter autochthoner Bevölkerungsgruppen aus aller Welt, als auch Regierungsvertreter teil.

Marginalisierung und Ausschluß von den wichtigsten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereichen veranlaßten die autochthonen Bevölkerungsgruppen dazu, sich eine Lobby zu schaffen und für die Aufnahme ihrer Probleme in die Abschlußdokumente der in jüngster Zeit abgehaltenen Konferenzen der Vereinten Nationen zu werben, wie z.B. der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (Juni 1992, Rio de Janeiro), der Weltkonferenz über Menschenrechte (Juni 1993, Wien), der Internationalen Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung (September 1994, Kairo), dem Weltgipfel für soziale Entwicklung (März 1995, Kopenhagen) und der 4. Weltfrauenkonferenz (September 1995, Peking). Bei all diesen Weltkonferenzen wurden Themen, die für die autochthonen Bevölkerungsgruppen von Wichtigkeit sind, diskutiert. In allen Abschlußdokumenten dieser Konferenzen wurden die Regierungen aufgefordert, Empfehlungen zur Lage der autochthonen Bevölkerungsgruppen umzusetzen und nationale Gesetze zu verabschieden, um die Rechte dieser Bevölkerungsgruppen zu schützen und zu fördern. Auch auf Bildungsprogramme und Programme zur Stärkung des Bewußtseins wurde großer Wert gelegt.

Bedeutende Verbesserungen in den Lebensbedingungen jener Völker zu erreichen, die Jahrhunderte der Ausbeutung und Marginalisierung ertragen haben, ist eine enorme Herausforderung für die Regierungen und die internationale Gemeinschaft. Die Dekade (1995-2004) legt den zeitlichen Rahmen fest, in dem die Bedürfnisse der autochthonen Bevölkerungsgruppen eingehend untersucht und jene Gegebenheiten abgestellt werden sollen, die sich nachteilig auf das Leben der autochthonen Bevölkerungsgruppen auswirken. Die Dekade bietet auch die möglichkeit zu vielfältigen Aktivitäten zur Förderung des Fortschritts der autochthonen Bevölkerungsgruppen, die greifbare Verbesserungen im Alltag dieser Gemeinschaften herbeiführen sollen.

Die Dekade: Eine Möglichkeit der Wiedergutmachung

Die “Internationale Dekade der autochthonen Bevölkerungsgruppen“ wurde am 21. Dezember 1993 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen (Resolution 48/163) verkündet und begann am 9. Dezember 1994. Unter dem Motto “Autochthone Bevölkerungsgruppen: eine aktive Partnerschaft“ will die Dekade eine Gelegenheit bieten, um die Zusammenarbeit zwischen den autochthonen Bevölkerungsgruppen und der internationalen Staatengemeinschaft, sowie zwischen diesen Gruppen und den einzelnen Staaten weiter zu stärken. Während dieser Zeit sollen Maßnahmen ergriffen werden, um die negativen Begleiterscheinungen von Kolonialismus und Marginalisierung abzubauen, die sich über viele Jahrzehnte hinweg bei den autochthonen Gemeinschaften eingestellt haben.

Das Hauptziel dieser Dekade besteht darin, die internationale Zusammenarbeit zur Lösung jener Probleme zu verstärken, mit denen die autochthonen Bevölkerungsgruppen in Bereichen wie Menschenrechte, Umwelt, Entwicklung, Gesundheit, Kultur und Bildung konfrontiert sind.

Die Dekade ist eine Herausforderung, die Lage der autochthonen Bevölkerungsgruppen zu verbessern. Gleichermaßen sollen mehr Anstrengungen unternommen werden, um ihren berechtigten Forderungen und Bedürfnissen nachzukommen. Dabei sollen vor allem folgende Ziele verwirklicht werden:

* Mehr internationale Aufmerksamkeit für die Leistungen der autochthonen Bevölkerungsgruppen in aller Welt und für ihre Probleme;

* Förderung und Schutz der Rechte von autochthonen Bevölkerungsgruppen;

* Mehr Entscheidungfreiheit für autochthone Bevölkerungsgruppen zur Teilnahme am wirtschaftlichen und sozialen Leben ihres Landes unter Wahrung ihrer kulturellen Identität und unter voller Achtung ihrer kulturellen Werte, ihrer Sprachen, Traditionen und sozialen Organisationsformen;

* Aufklärung autochthoner und nichtautochthoner Gemeinschaften über die Lage, Kultur, Sprachen, Rechte und Ziele der autochthonen Bevölkerungsgruppen;

* Konsultation und Zusammenarbeit mit autochthonen Bevölkerungsgruppen bei Entscheidungen, die ihr Leben betreffen;

* Anerkennung des Wertes und der Vielfalt der Kulturen und gesellschaftlichen Organisationsformen autochthoner Bevölkerungsgruppen in aller Welt;

* Ausbildung authochthoner Bevölkerungsgruppen und technische Unterstützung ihrer eigenen Initiativen;

* Verbesserung der sozioökonomischen Lebensbedingungen der autochthonen Bevölkerungsgruppen sowie ihrer politischen Beteiligung an nationalen Entscheidungsprozessen.

Autochthone Bevölkerungsgruppen und ihre Probleme

Armut: Autochthone Bevölkerungsgruppen sind oft unverhältnismäßig stark von den Problemen der Armut betroffen. Sie zählen meist zu den €rmsten der Armen, zu den verletzlichsten und am stärksten benachteiligten Gruppen einer Gesellschaft.

* Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Lateinamerikanischen Zentrums für Demographie (CELADE) in Chile vermittelte ein düsteres Bild von den Lebensbedingungen autochthoner Bevölkerungsgruppen in Südamerika. Aus dem Bericht geht hervor, daß 79 % der autochthonen Bevölkerung in Peru arm sind und mehr als die Hälfte dieser Bevölkerung in absoluter Armut lebt.

* In Guatemala leben 87% der autochthonen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze und 61% unterhalb der Grenze absoluter Armut. Nach nationalen Maßstäben gelten in Guatemala Personen als arm, deren monatliches Einkommen unter US$ 60, liegt. Die Grenze absoluter Armut entspricht einem monatlichen ProKopfEinkommen von US$ 30. In diesem Land haben die meisten Angehörigen autochthoner Bevölkerungsgruppen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Kanalisation und Strom. Während die Hälfte der Haushalte der nichtauthochthonen Bevölkerung fließendes Wasser im Haus hat, sind es in den authochthonen Haushalten weniger als ein Drittel.

Armut unter den autochthonen Gemeinschaften in vier lateinamerikanischen Ländern
Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze

Länder

autochthone Bevölkerungsgruppen

nichtautochthone Bevölkerungsgruppen

Bolivien

64,3 %

48,1 %

Guatemala

86,6 %

53,9 %

Mexiko

80,6 %

17,9 %

Peru

79,0 %

49,7 %

Quelle: Centro Latinoamericano Demografia (CELADE)

Mangel an elementaren Gesundheitseinrichtungen: Den autochthonen Gemeinschaften werden oft grundlegende Gesundheitseinrichtungen vorenthalten.

* In Ecuador stirbt ein hoher Anteil autochthoner Kinder an Atemwegserkrankungen, Darminfektionen oder Unterernährung Krankheiten, die leicht heilbar wären.

* In Mittelaustralien werden 40 % der AborigineKinder in den ersten zwei Lebensjahren mit akuten Atemwegserkrankungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Die Kindersterblichkeitsrate bei den autochthonen Gemeinschaften Australiens ist rund dreimal so hoch wie im Landesdurchschnitt. Aus einem Bericht des Australischen Instituts für Gesundheit und Wohlfahrt geht hervor, daß fünf Prozent der Aborigine an Diabetes sterben; bei der nichtauthochthonen Bevölkerung liegt dieser Anteil nur bei zwei Prozent.

* Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) häufen sich unter den autochthonen Bevölkerungen Australiens, Nordamerikas und Ozeaniens starkes übergewicht und nichtübertragbare Krankheiten, insbesonders Herzgefäßerkrankungen und Diabetes.

* In Neuseeland ist das Risiko für MaoriMänner, an Herzerkrankungen, Lungenentzündung und Grippe, chronischen Atemwegserkrankungen und Hautinfektionen zu erkranken, doppelt so hoch wie bei Männern, die nicht der MaoriBevölkerung angehören.

* In vielen Ländern hat eine unkontrollierte industrielle Entwicklung die Gesundheit autochthoner Bevölkerungsgruppen stark beeinträchtigt und schwere Umweltprobleme verursacht. Als Folge dieser Entwicklung ist das Wasser stark verunreinigt, es gibt kaum noch Fische, und die autochthonen Bevölkerungsgruppen leiden an Unterernährung und verschiedenen Krankheiten.

Niedriger Bildungsstand: Die meisten Bildungssysteme, die den Kindern autochthoner Bevölkerungsgruppen zur Verfügung stehen, berücksichtigen die traditionellen und kulturellen Werte autochthoner Bevölkerungsgruppen nicht. Infolgedessen ist die Zahl der Analphabeten in autochthonen Gemeinschaften sehr hoch. Zudem haben autochthone Bevölkerungsgruppen im allgemeinen weniger Zugang zu konventioneller Bildung als die AllgemeinBevölkerung.

* In Bolivien liegt das Bildungsniveau autochthoner Bevölkerungsgruppen drei Jahre unter dem der nichtautochthonen Bevölkerung.

* In Australien ist der Schulbesuch der über 14jährigen Aborigine deutlich zurückgegangen. Bei den 17jährigen fiel die Quote von 98 % auf 31 %. Fast die Hälfte, der Aborigine und Torres Strait Islander im Alter von 15 Jahren oder älter hat entweder keine Schulbildung, oder hat die zehnte Klasse nicht erreicht.

* Rund 43 % der mexikanischen Indios können weder lesen noch schreiben und 58 % der fünfjährigen besuchen keine Schule.

Fehlender Schutz des geistigen und kulturellen Eigentums: Autochthone Bevölkerungsgruppen haben ihre Sorge darüber zum Ausdruck gebracht, daß ihr oft im Laufe der Jahrhunderte zusammengetragenes Wissen ohne ihre Zustimmung kommerziell ausgebeutet wird.

* Sie haben kaum Anteil an den riesigen Gewinnen, die Firmen aus dem Verkauf pharmazeutischer Produkte aus Heilpflanzen gemacht haben, die von autochthonen Bevölkerungsgruppen entdeckt wurden.

* Kulturelle Artefakte wurden ohne Einwilligung der autochthonen Bevölkerungsgruppen und unter Verletzung ihres Glaubens entfernt und in Museen ausgestellt. Vor kurzem kam es zu einer Kontroverse, als bei der National Geographic Society in Washington, D.C., die erhaltenen Überreste eines Inka-Mädchens ausgestellt wurden, das vor 500 Jahren auf einem Berggipfel in den Anden geopfert worden war.

Arbeitslosigkeit: Die autochthonen Gemeinschaften leiden im allgemeinen unter einer hohen Arbeitslosenrate.

* Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), beträgt die Arbeitslosenrate bei autochthonen Bevölkerungsgruppen in Kanada zwischen 35 und 75 %. In einigen Gemeinschaften erreicht sie sogar 100 %.

* In Australien, so das Ergebnis einer nationalen Studie über Aborigine und Torres Strait Islander, lag die Zahl der Arbeitslosen in autochthonen Gemeinschaften 1994 weit über dem Landesdurchschnitt: Fast 38 % der Arbeitskräfte bei den Aborigine und Torres Strait Islandern hatten keine Arbeit, im Vergleich zu neun Prozent im Landesdurchschnitt.

Menschenrechte: über Jahrhunderte hinweg wurden die Grundrechte autochthoner Bevölkerungsgruppen auf vielfache Weise verletzt.

* Autochthone Bevölkerungsgruppen wurden gewaltsam von ihrem Land vertrieben und einem kulturellen Völkermord ausgesetzt.

* In verschiedenen Teilen der Welt zwang man ihnen eine Assimilationspolitik auf. Dies war z.B. in Australien der Fall, wo man gemischtrassige Kinder ihren ursprünglichen Familien entriß und in Pflegefamilien oder Waisenhäusern unterbrachte, wo ihnen westliche Kultur aufgezwungen wurde.

* In den USA leben viele Indianer schon seit Jahrzehnten in verarmten Reservaten. In Brasilien trieb die Gier nach reichen Goldminen auf dem Land der autochthonen Bevölkerungsgruppen Goldsucher dazu, in das Territorium der Yanomami einzudringen. Dabei töteten sie viele Indianer und setzten sie Krankheiten aus, die für viele infolge fehlender Immunität tödlich waren.

* Während des Aufstands in Chiapas, Mexiko, fielen autochthone Bevölkerungsgruppen wahllos Menschenrechtsverletzungen zum Opfer, die sowohl vom Militär als auch von den Rebellen begangen wurden.

Land und Rohstoffe: Autochthone Bevölkerungsgruppen haben eine besondere Beziehung zu ihrem Land und konnten sich in einigen Ländern gegen eine Umsiedlung zur Wehr setzen.

* In den meisten Fällen wurden die reichhaltigen Mineralvorkommen auf ihrem Land von Regierungen und multinationalen Unternehmen ausgebeutet und erschöpft.

* Autochthone Bevölkerungsgruppen versuchen immer wieder mit staatlichen Behörden zu verhandeln, um das Land ihrer Vorfahren zurückzugewinnen. In einigen Fällen wurden erfolgreiche übereinkünfte erzielt. Nach einer Verhandlungsdauer von mehr als zwanzig Jahren unterzeichneten die Nisga'a aus BritischKolumbien einen Vertrag mit der kanadischen Regierung, der ihnen die Rechte an Land und Rohstoffen übertrug.

* In Argentinien unterzeichneten führer der Indios eine Vereinbarung mit der Regierung, die den Indios die rechtmäßige übertragung von 600.000 Hektar Land im ChacoGebiet im Norden Argentiniens garantierte.

* In anderen Fällen gab es Bemühungen, sich mit den Landansprüchen zu befassen und der autochthonen Bevölkerung Landrechte zu sichern. Laut einem Vertreter der brasilianischen Regierung hat die Festlegung von Landesgrenzen der autochthonen Bevölkerungsgruppen für die Regierung höchste Priorität.

Selbstbestimmung: Autochthone Bevölkerungsgruppen vertreten den Standpunkt, daß sie das Recht auf Selbstbestimmung haben, um ihren politischen Status frei festzulegen und ihre eigene wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung zu verfolgen.

* 1979 führte ein konstruktiver Dialog zwischen der dänischen Regierung und Vertretern der autochthonen Bevölkerungsgruppen zur Verabschiedung des “Home Rule Act“. Dieser gewährte den grönländischen Inuit maßgebliche Autonomierechte in ihren inneren Angelegenheiten, wobei die territoriale Einheit mit Dänemark nicht beeinträchtigt wurde.

* Dennoch befassen sich viele Staaten nur zögernd mit den Forderungen nach Selbstbestimmung und fürchten, daß der Ruf nach Autonomie seitens der autochthonen Bevölkerung zu einem Auseinanderbrechen der Nation führen könnte. In manchen Teilen der Welt sind diese Rufe sehr laut geworden und haben bereits zu Aufständen geführt. Dies war der Fall in Chiapas, Mexiko, wo Autonomie zum Schlachtruf der Nationalen Befreiungsarmee der Zapatista wurde.

Erklärungsentwurf über die Rechte der autochthonen Bevölkerungsgruppen

Seit der Annahme der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und trotz zahlreicher Erfolge der Vereinten Nationen auf diesem Gebiet bleibt noch immer viel zu tun, um den in vielen Teilen der Welt stattfindenden Menschenrechtsverletzungen Einhalt zu gebieten. Die autochthonen Bevölkerungsgruppen sind der Meinung, daß ihre Rechte in einem Dokument festgehalten werden sollten, das ihre besondere Lage berücksichtigt. Alle Angelegenheiten und Ziele der autochthonen Bevölkerungsgruppen werden jetzt in dem Entwurf einer „Erklärung über die Rechte der autochthonen Bevölkerungsgruppen“ dargelegt. Eine aus fünf Experten zusammengesetzte Arbeitsgruppe für autochthone Bevölkerungsgruppen begann 1985 mit der Ausarbeitung dieser Erklärung. 1993 beendeten die Experten ihre Arbeit und legten im darauffolgenden Jahr den Regierungen einen Textentwurf zur Stellungnahme vor.

Der Entwurf wird nun in einer offenen AdhocArbeitsgruppe diskutiert, die von der Menschenrechtskommission am 3. März 1995 (Resolution 1995/32) eingerichtet wurde. In dieser neuen Arbeitsgruppe haben Vertreter von Regierungen, autochthonen Bevölkerungsgruppen und Nichtregierungsorganisationen Gelegenheit, ihre Ansichten offen darzulegen und sich an Beratungen über verschiedene Bestimmungen des Erklärungsentwurfs zu beteiligen.

Der Entwurf erkennt die allgemeinen Menschenrechte und Grundfreiheiten autochthoner Bevölkerungsgruppen an und fordert die Staaten dazu auf, alle zwischen beiden Seiten vereinbarten Rechtsinstrumente zu respektieren und zu befolgen.

Der Erklärungsentwurf betont unter anderem:

* das Recht der autochthonen Bevölkerungsgruppen auf Freiheit und Gleichheit gegenüber allen anderen Menschen und Völkern in bezug auf Würde und Rechte;

* das Recht auf Selbstbestimmung und auf freie Festlegung ihres politischen Standes sowie das Recht, ihre eigene wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung zu verfolgen;

* das Recht, ihre kulturellen Traditionen und Bräuche auszuüben und zu pflegen sowie das Recht, ihre geistigen und religiösen überlieferungen zu entwickeln und zu lehren;

* das Recht, Bildungssysteme und -einrichtungen aufzubauen und zu kontrollieren, die in ihren eigenen Sprachen unterrichten;

* das Recht auf volle Beteiligung in allen Entscheidungsebenen bei Fragen, in denen es um ihre Rechte, ihr Leben und ihr Schicksal geht;

* das Recht der autochthonen Bevölkerungsgruppen auf ihr Land, ihre Territorien und ihre Rohstoffe.

Die Verabschiedung dieser Erklärung durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen und – wie in der Resolution 50/157 der Generalversammlung erneut gefordert – die Einrichtung eines ständigen Forums für autochthone Bevölkerungsgruppen innerhalb der Vereinten Nationen wären ein großer Erfolg für die Dekade. Ein solches Forum wurde im Juni 1993 auf der Weltkonferenz über Menschenrechte in der Wiener Erklärung und dem Aktionsprogramm empfohlen. Die Diskussion über das Mandat des ständigen Forums, seine Zusammensetzung, seine Struktur und seine Finanzierung ist jedoch immer noch nicht abgeschlossen. Das Forum soll eine ständige Plattform schaffen, wo autochthone Bevölkerungsgruppen ihre Anliegen vortragen und mit den Regierungen diskutieren können.

Aktivitäten der Hauptbeteiligten

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat ein Programm für die Internationale Dekade der autochthonen Bevölkerungsgruppen verabschiedet, das den verschiedenen Beteiligten – einschließlich der Vereinten Nationen, Regierungen, zwischenstaatlichen und nichtstaatlichen Organisationen und anderen interessierten Parteien – erlauben soll, Aktivitäten zu planen, um die Probleme der autochthonen Bevölkerungsgruppen stärker ins Bewußtsein der …ffentlichkeit zu rücken. Diese Aktivitäten sollen auf unterschiedliche Weise umgesetzt werden.

Aktivitäten des Koordinators der Dekade und des Hohen Kommissars für Menschenrechte

* Anregung der Entwicklung von partnerschaftlichen Projekten mit den Regierungen über besondere regionale oder thematische Fragen, bei denen Regierungen, autochthone Bevölkerungsgruppen und entsprechende Einrichtungen der Vereinten Nationen zusammenwirken sollen.

* Gründung eines Stipendienprogramms in Zusammenarbeit mit dem Beratungsdienst des Büros des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte und den Regierungen, um den autochthonen Bevölkerungsgruppen zu helfen, Erfahrungen über die verschiedenen Arbeitsgebiete des Büros und anderer Bereiche der Vereinten Nationen zu sammeln.

* Organisation von Treffen über Themen, die für die autochthonen Bevölkerungsgruppen wichtig sind.

* Die Entwicklung von Ausbildungsprogrammen über Menschenrechte für authochthone Bevölkerungsgruppen in Zusammenarbeit mit den Regierungen und die Herstellung von sachdienlichem Schulungsmaterial, soweit möglich in den autochthonen Sprachen.

* Förderung der Entwicklung von Projekten und Programmen, die durch den Freiwilligen Fonds der Dekade unterstützt werden können, in Zusammenarbeit mit den Regierungen und unter Berücksichtigung der Ansichten der autochthonen Bevölkerungsgruppen und der entsprechenden Einrichtungen der Vereinten Nationen.

Die …ffentlichkeitsarbeit der Vereinten Nationen

* Herausgabe der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Internationalen Menschenrechtspakte und – nach ihrer Verabschiedung – der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der autochthonen Bevölkerungsgruppen in den Sprachen dieser Gruppen. Zu diesem Zwecke sollen auch audiovisuelle Materialien eingesetzt werden. für die Verbreitung von Informationen über die Internationale Dekade wird auch die Beteiligung von autochthonen Experten und ihrer eigenen Informationsnetze erwogen.

* Herstellung von Informationsmaterial über autochthone Bevölkerungsgruppen zur Verbreitung in der allgemeinen …ffentlichkeit in Zusammenarbeit mit dem Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte.

Aktivitäten der Vereinten Nationen

* Einrichtung von Verbindungsstellen für Fragen der autochthonen Bevölkerungsgruppen in allen relevanten Organisationen der Vereinten Nationen.

* Appelle an die Regierungen, den Programmen und Etats wichtiger zwischenstaatlicher Organisationen bei der Umsetzung der Ziele der Dekade Priorität einzuräumen und ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Staaten sollen auch regelmäßig über die getroffenen Maßnahmen an die Leitungsgremien und Exekutivräte der betreffenden Organisationen berichten.

* Ausarbeitung, Veröffentlichung und Verbreitung eines Handbuchs für die authochthonen Bevölkerungsgruppen, das praktische Informatio

nen über die Arbeits und Verfahrensweisen der einzelnen Institutionen der Vereinten Nationen enthält.

* Regierungen sollen ermutigt werden, geeignete Mechanismen und Verfahrensweisen zu entwickeln, die eine Beteiligung autochthoner Bevölkerungsgruppen an der Planung und Durchführung nationaler und regionaler Programme zu ihren Anliegen sicherstellen sollen.

* Beratungen mit den Regierungen, um gemeinsam mit nationalen Gremien und Entwicklungsinstitutionen mögliche Bereiche der Zusammenarbeit bei den Aktivitäten der Dekade zu prüfen.

* Beratung mit allen an Menschenrechtsfragen, Entwicklung, Umwelt, Gesundheit und Bildung, sowie Kultur interessierten Parteien über die Ausarbeitung von Programmen in diesen Bereichen.

Aktivitäten regionaler Organisationen

* Organisation von regionalen Konferenzen mit den bestehenden regionalen Organisationen über Fragen der autochthonen Bevölkerungsgruppen. Ziel ist die Stärkung der Zusammenarbeit, wobei die Vorteile des Apparats der Vereinten Nationen genutzt und die direkte und aktive Mitwirkung von autochthonen Bevölkerungsgruppen aus den unterschiedlichen Regionen zusammen mit den Regierungen gefördert werden sollen.

* Ausarbeitung von Schulungskursen und Programmen zur technischen Unterstützung autochthoner Bevölkerungsgruppen in Bereichen wie Projektplanung und Projektmanagement, Umwelt, Gesundheit und Bildung sowie Förderung des Austauschs von Kenntnissen und Erfahrungen zwischen den autochthonen Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Regionen.

* Ermutigung regionaler Organisationen, regionale Rechtsinstrumente zur Förderung und zum Schutze von autochthonen Bevölkerungsgruppen im Rahmen ihrer eigenen Strukturen auszuarbeiten und bereits bestehende regionale Instrumente zu fördern.

Aktivitäten der Mitgliedstaaten

* Bildung nationaler Ausschüsse für die Dekade oder ähnlicher Gremien, die autochthone Bevölkerungsgruppen und alle relevanten Regierungsstellen und andere interessierte Parteien einschließen, um – von den Regierungen einberufen öffentliche Unterstützung für die verschiedenen Aktivitäten der Dekade zu mobilisieren.

* Intensivierung von Koordination und Kommunikation auf nationaler Ebene zwischen den relevanten Ministerien, Dienststellen und sonstigen regionalen und lokalen Behörden durch den Aufbau von Anlaufstellen oder anderen Einrichtungen zur Koordinierung und Verbreitung von Informationen.

* Ausarbeitung von nationalen Plänen für die Dekade zusammen mit autochthonen Gemeinschaften, die die wichtigsten Ziele und Vorstellungen beinhalten, quantitativ meßbare Ergebnisse festlegen und die erforderlichen Mittel und Finanzquellen berücksichtigen.

* Ratifizierung und Umsetzung des übereinkommens der Internationalen Arbeitsorganisation (Nr. 169) über die autochthonen Bevölkerungsgruppen und Stammesvölker, sowie anderer internationaler und regionaler Rechtsinstrumente, in enger Abstimmung mit den autochthonen Organisationen jedes Landes.

* Anerkennung der Existenz, Identität und der Rechte der autochthonen Bevölkerungsgruppen durch Verfassungsreformen oder gegebenenfalls durch die Verabschiedung neuer Gesetze, um die rechtliche Lage dieser Gruppen zu verbessern und ihre wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, politischen und bürgerlichen Rechte zu garantieren.

Aktivitäten der Organisationen authochthoner Bevölkerungsgruppen

* Aufbau eines Informationsnetzes, das mit dem Koordinator verknüpft werden kann und die Kommunikation zwischen den Vereinten Nationen, den zuständigen Regierungsstellen und autochthonen Gemeinschaften erleichtert.

* Einrichtung und Unterstützung von autochthonen Schulen und akademischen Einrichtungen in Zusammenarbeit mit den zuständigen Organisationen der Vereinten Nationen; Beteiligung an der überarbeitung von Schulbüchern und den Inhalten von Lehrprogrammen, um diskriminierende Aussagen zu entfernen und die Entwicklung autochthoner Kulturen zu fördern; und, wo angebracht, die übertragung dieser Bücher und Programme in authochthone Sprachen und Schriften; Entwicklung von authochthonen Lehrplänen für Schulen und Forschungseinrichtungen.

* Bildung und Förderung von Netzwerken autochthoner Journalisten und Gründung autochthoner Zeitschriften auf regionaler und internationaler Ebene.

Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen und anderen interessierten Parteien, von Bildungseinrichtungen, Medien und Unternehmen

* Kooperation mit autochthonen Organisationen, Gemeinschaften und Bevölkerungsgruppen bei der Planung von Aktivitäten für die Dekade.

* Gegebenenfalls und in übereinstimmung mit den nationalen Gesetzen, Einrichtung von Rundfunk und Fernsehstationen in Regionen mit autochthonen Bevölkerungsgruppen, um Informationen über die Problemen und Vorschlägen dieser Gruppen zu verbreiten und die Kommunikation zwischen autochthonen Gemeinschaften zu verbessern.

* Förderung autochthoner Kulturen – unter angemessener Achtung der Rechte auf geistiges Eigentum – durch die Veröffentlichung von Büchern, die Herstellung von CD's und die Abhaltung von verschiedenen künstlerischen und kulturellen Ereignissen, die das Wissen über autochthone Kulturen verbessern und ihrer Entwicklung dienen, sowie die Gründung autochthoner Kultur und Dokumentationszentren.

Die Herausforderung

Der Erfolg der Dekade wird davon abhängen, welche Mittel zur Umsetzung nationaler Entwicklungsprogramme zur Verbesserung der Situation von autochthonen Bevölkerungsgruppen zur Verfügung gestellt werden.

Dies erfordert die Bereitschaft der nationalen Behörden, die Zusammenarbeit in authochthonen Fragen zu verbessern, nationale Gesetze zu erlassen, die die Rechte der autochthonen Bevölkerungsgruppen anerkennen und diese Gruppen an der Planung und Durchführung nationaler Aktivitäten zur Förderung der Ziele der Dekade zu beteiligen.

Rigoberta Menchu aus Guatemala, eine MayaIndianerin, der für ihren Einsatz zur Förderung der Menschenrechte authochthoner Bevölkerungsgruppen der Friedensnobelpreis verliehen wurde, erklärte: “Die Dekade steht für die Hoffnung, daß es möglich ist, neue Beziehungen auf der Grundlage gegenseitiger Achtung und Anerkennung aufzubauen.“

Der 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrecht bietet der internationalen Gemeinschaft einen besonderen Anlaß, um über die Fortschritte nachzudenken, die zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Benachteiligten gemacht wurden, und um wirksame Maßnahmen zur Bewältigung der noch vor uns liegenden Herausforderungen zu ergreifen. Besondere Bemühungen sollten darauf verwandt werden, die Situation der autochthonen Bevölkerungsgruppen zu verbessern und ihre Grund und Freiheitsrechte zu verwirklichen, die – wie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ausgeführt – der ganzen Menschheit und nicht nur einigen unter uns zustehen. In diesem Sinne sind Allgemeingültigkeit, Unteilbarkeit und Interdependenz aller Menschenrechte von höchster Wichtigkeit.


Herausgegeben vom Informationszentrum der Vereinten Nationen - Martin-Luther-King-Str. 8 - D-53175 Bonn. Dezember 1998


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