Am wenigsten entwickelte Länder
 
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Dritte Konferenz der Vereinten Nationen über die
am wenigsten entwickelten Länder (LDCs)

14.-20. Mai 2001
Brüssel, Belgien

bar


Ein Platz an der Sonne

Die am wenigsten entwickelten Länder verfügen über günstige Voraussetzungen, um vom derzeitigen Trend zu alternativem Tourismus zu profitieren. Um größtmöglichen Nutzen zu erzielen, müssen sie aber die nötige Infrastruktur entwickeln und den Schutz der Natur und des Kulturerbes sicherstellen.

„Weiße sandige Strände glitzern in der Sonne… atemberaubende Unterwasserlandschaft… graziöse Kokospalmen neigen sich über kristallklare Lagunen….“

Diese Beschreibung stammt nicht von der Webseite eines schicken Urlaubsorts in der Karibik oder der Südsee, sondern von einer Inselgruppe im Indischen Ozean, die zu den weltweit ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern zählt: die Malediven.

Auf den Malediven wie auch in anderen LDCs hat sich der Fremdenverkehr zu einem Hoffnungsträger für eine stärkere Präsenz in der Weltwirtschaft entwickelt. Deshalb steht diese Branche heute im Mittelpunkt nationaler Entwicklungspläne. In 24 LDCs ist steht der Tourismus bereits an führender Stelle des Dienstleistungssektors. In sieben Ländern bildet er gar die größte Einnahmequelle für ausländische Devisen. Obgleich der Anteil der LDCs am Welttourismus im Jahr 1998 nur 0,8% betrug (5,1 Millionen internationale Touristen), haben sich die Einkünfte aus dem Tourismusgeschäft in nur sechs Jahren mehr als verdoppelt: von einer Milliarde US$ in 1992 auf US$ 2,2 Milliarden im Jahr 1998.

Die Aussichten für diesen Wirtschaftszweig sind eines der Themen, die auf der Dritten Konferenz der Vereinten Nationen über die am wenigsten entwickelten Länder vom 14. - 20. Mai in Brüssel erörtert werden. In Vorbereitung auf die „LDC III“ hatten Experten diese Frage auf einem hochrangigen Treffen auf den Kanarischen Inseln im März eingehend geprüft. Sie wollten herausfinden, wie die LDCs vom Trend zu alternativen Reisen in Entwicklungsländer profitieren können. Die Erträge aus dem Tourismusgeschäft sind in den Entwicklungsländern doppelt so schnell gestiegen wie in den Industrieländern.

„Der Tourismus scheint einer der wenigen Wirtschaftssektoren zu sein, durch den eine große Anzahl von LDCs zu einem höheren Wohlstandsniveau geführt werden kann.“
Tourismus und Entwicklung in den am wenigsten entwickelten Ländern
(UNCTAD/LDC/Misc.64), ein Bericht der Konferenz der Vereinten Nationen für
Handel und Entwicklung für die Tagung auf den Kanarischen Inseln

Nach Untersuchungen der in Madrid ansässigen Weltorganisation für Tourismus zählen Sonnen- und Strandtourismus immer noch zu den wichtigsten Segmenten des Tourismusmarktes. Aber die Touristen sind auch immer mehr auf der Suche nach „neuen“ Reisezielen, die andere beeindruckende Naturerlebnisse bieten (Wüsten, Berge, Vulkane, Flora und Fauna) oder kulturelle und historische Besonderheiten aufweisen und besondere Urlaubsaktivitäten ermöglichen (Baudenkmäler, Musik, Kunst, heiße Quellen, Tauchen, Windsurfen und Sportfischen). Oft bieten diese besonderen Angebote bedeutende Wettbewerbsvorteile für die LDCs, die ja in der Regel über keine lukrativen Bodenschätze oder leistungsfähige Infrastruktur für die industrielle Produktion oder für Dienstleistungen im Bereich der Informationstechnologie verfügen.

Aber die Einzigartigkeit dieser Urlaubsziele kann auch ein Nachteil sein: In vielen Fällen sind die Orte weit entlegen und schwer zugänglich, da es keine guten Flugverbindungen gibt. Auch verfügen manche Regionen nicht über die inländische Infrastruktur und lokalen Ressourcen wie Nahrungsmittel und Managementkenntnisse. Dies führt zwangsläufig zu einer Abhängigkeit von Importen und reduziert die Gewinne für die heimische Wirtschaft. Eine andere Kehrseite ihrer Einzigartigkeit ist die Anfälligkeit der Umwelt - wie zum Beispiel auf den Malediven, wo sich das Verbleichen der Korallenriffe auf die lukrative Tauchindustrie auswirkt.

Die Kontrolle des wirtschaftlichen „Ausblutens“ durch die Tourismusindustrie sollte ein zentrales Anliegen jedes Entwicklungsplans für den Tourismussektor in LDCs sein. Der Kapitalabfluss kann für kleine Entwicklungsländer bis zu 40-50 Prozent der Bruttoeinnahmen aus dem Fremdenverkehr betragen. Ausländische Investitionen müssen angeworben werden, während gleichzeitig die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Sektoren erforderlich ist - wie beispielsweise zwischen der Fischerei und den Obst- und Gemüseproduzenten, um den Multiplikatoreffekt der Einnahmen aus dem Tourismus zu erhöhen. In der Tourismusindustrie ergibt sich der Abfluss an Kapital hauptsächlich durch den Import von Gütern und Dienstleistungen, durch Auslandstransfers der Einkünfte aus dem Tourismusgeschäft von nicht heimischen Arbeitskräften (die aufgrund des unzureichenden inländischen Arbeitsmarktes ins Land kommen) und durch die Einbehaltung der Gewinne ausländischer Tourismusunternehmen bzw. deren Transfers ins Ausland.

Aber arme Länder mit einer nicht diversifizierten Wirtschaft und knappem Humankapital haben anfangs oft keine andere Wahl. Sie haben vielfach nicht die Möglichkeiten, die Hotels regelmäßig mit den notwendigen Gütern zu versorgen und müssen sich auf ausländisches Personal und ausländisches Kapital verlassen. Für die Länder ist der Abfluss an Kapital ein „notwendiges Übel“ und ein „normaler, einmaliger Preis“, der gezahlt werden muss, um im Tourismusgeschäft anfangen zu können, erklärt Pierre Encontre, Wirtschaftswissenschaftler der UNCTAD. Kapitalabflüsse konnten in Ländern wie Nepal und Tansania erfolgreich reduziert werden, letzteres ist jetzt die Nummer eins der LDCs im Hinblick auf Touristenzahlen und die Einnahme ausländischer Devisen durch den Fremdenverkehr.

Der Tourismus muss ein entscheidendes Gewicht in der lokalen Wirtschaft einnehmen und wenn das geschieht, gibt es nach und nach einen positiven Nettogewinn. Sogar bei einem hohen Importanteil - wie zum Beispiel auf den Malediven - bleibt viel Mehrwert übrig.
- Pierre Encontre, UNCTAD Wirtschaftswissenschaftler

Vier LDCs, so Pierre Encontre, haben sich als Ergebnis ihrer erfolgreichen Tourismusentwicklung der Schwelle zur Überwindung des „LDC“-Status genähert: Kap Verde, Malediven, Samoa und Vanuatu. Auf den Malediven wird die Entwicklung der Tourismusbranche als „wichtigster Faktor“ für den relativen Wohlstand des Landes angesehen.

Natürlich müssen auch die sozialen Folgen des Tourismus berücksichtigt werden. Aus kulturellen oder religiösen Gründen bevorzugen es einige Länder - insbesondere Kleinstaaten mit wenig Einwohnern - Touristen in isolierten Gebieten unterzubringen, um Einflüsse wie Drogen und Alkohol von der lokalen Bevölkerung fern zu halten. Der Öko-Tourismus hingegen fördert ausgiebigere Kontakte zwischen Einheimischen und Reisenden.

 

„Unsere Stars sind die Kokosnüsse“

Der Öko-Tourismus ist eine Marktnische, von der viele LDCs profitieren, da das Konzept die Entwicklung einer wirklich einheimischen Infrastruktur für den Tourismus fördert. Es begünstigt nicht nur die Einrichtung von kleinen Hotels im Besitz der lokalen Bevölkerung, sondern trägt gleichfalls zum Erhalt der Natur bei. Durch die Entwicklung von „Fauna Tourismus“ oder Safaris schützen Länder wie Uganda ihren Bestand an Wildtieren und stellen dafür lokales Personal ein. Ein anderes Beispiel erfolgreicher Nischenvermarktung in einem LDC ist der Bungalow-Tourismus im pazifischen Inselstaat Vanuatu (ein Sprichwort der Inselbewohner sagt: “Unsere Stars sind die Kokosnüsse“).

Die Entwicklung der einheimischen Kapazitäten und Infrastrukturen für den Tourismus ist zwar wichtig, wird aber solange unzureichend bleiben, solange sie nicht durch einen angemessenen Zugang zur Informationstechnologie ergänzt wird. Im Tourismussektor wird immer mehr online vermarktet und verkauft. Das Internet wird von einer immer höheren Anzahl von Zulieferern, Fluggesellschaften und Reiseveranstaltern bis hin zu Reisebüros und lokalen Fremdenverkehrseinrichtungen genutzt. Urlaubsorte, die über keine ausreichende Infrastruktur an Telekommunikation zur Nutzung dieses Medium verfügen oder Länder, die ohne diese Infrastruktur auskommen wollen, erfahren sofort einen Wettbewerbsnachteil. Dies trifft auf die meisten LDCs zu, deren Märkte vorrangig in Industrieländern liegen, die weitgehend die Informations- und Distributionskanäle wie auch die globalen Verbreitungs- und computergestützten Reservierungssysteme kontrollieren. Um diese Probleme zu überwinden, müssen die LDCs ihre Internet-Kapazitäten ausbauen, diese erschwinglich und zugänglich machen und lokales Personal in deren Handhabe schulen. Ressourcen müssen gebündelt und Partnerschaften mit wichtigen Akteuren in den Zielmärkten geschlossen werden.

Eine andere Möglichkeit zur Förderung des Tourismussektors in den LDCs liegt in der Nutzung der Vorteile multilateraler Handelsabkommen, insbesondere durch Verhandlungen im Rahmen der Allgemeinen Vereinbarung über den Handel im Dienstleistungssektor (GATS) der Welthandelsorganisation. Diese Vereinbarung erlaubt die Liberalisierung ihrer Tourismuswirtschaft und, falls erforderlich, die Auflage von Bestimmungen zur Ankurbelung der Schulung und Einstellung von lokalen Hotelmanagern, Architekten, Köchen und Handwerkern, und zur Bereitstellung technischer Hilfe. Gleichzeitig sollte den Ländern, aus denen die Touristen kommen, nahe gelegt werden, die Hemmnisse für die Marktpräsenz der LDCs in diesen Staaten abzubauen und wettbewerbsfeindliche Praktiken gegenüber lokalen Reiseveranstaltern zu beseitigen. Investoren und Geldgeber können den LDCs - und dabei auch sich selbst - helfen, indem sie zur Entwicklung der Infrastruktur (Lufttransport, Stromversorgung, Strassen- und Hotelbau) beitragen und den Ausbau der entsprechenden Einrichtungen vor Ort stärken.

 

Weitere Informationen

UNCTAD
Erica Meltzer
E-Mail:
Fax:
Tel.:+41-22-907-5365
erica.meltzer@unctad.org
+41-22-907-0043

 

Herausgegeben von der UNO-Hauptabteilung Presse und Information - DPI/2190G.
Deutsche Übersetzung: Informationszentrum der Vereinten Nationen (UNIC) Bonn. Mai 2001


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