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Kofi
A. Annan Zweiter
Teil
A. Überwindung
der Hindernisse bei der Konfliktprävention 160. Ich habe
in diesem Bericht betont, dass die Konfliktprävention im Mittelpunkt
des Mandats der Vereinten Nationen zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens
und der internationalen Sicherheit steht und dass sich unter den Mitgliedstaaten
ein allgemeiner Konsens darüber herausgebildet hat, dass umfassende
und kohärente Konfliktpräventionsstrategien am ehesten geeignet
sind, einen dauerhaften Frieden zu fördern und ein günstiges
Umfeld für die nachhaltige Entwicklung zu schaffen. Darüber
hinaus ist hervorzuheben, dass eine erfolgreiche Konfliktprävention
auch einen guten Schutz für die Investitionen in die Entwicklung
verkörpert. Ich habe dargelegt, dass sowohl die Hauptorgane der
Vereinten Nationen als auch das System der Vereinten Nationen über
seine vielfältigen Hauptabteilungen, Organisationen, Bereiche,
Fonds und Programme verstärkt zur Verhütung bewaffneter
Konflikte auf der ganzen Welt beigetragen haben. 162. Bis dahin
ist es jedoch noch ein langer Weg. Wir sind immer noch weit von einer
Kultur der Konfliktprävention entfernt, in der die Staaten um
den Rat und die Hilfe der internationalen Gemeinschaft nachsuchen,
um im Bedarfsfall möglichst frühzeitig die tieferen Ursachen
von Konflikten zu ermitteln und anzugehen. Deshalb bleibt die Frage
bestehen, weshalb die Konfliktprävention noch immer so selten
angewandt wird und wir trotz des zweifellos vorhandenen Erfolgspotenzials
einer Präventionsstrategie so häufig scheitern. 163. Die Erfahrungen
der Vergangenheit zeigen meiner Meinung nach zweierlei: Erstens können
Außenstehende, so auch die Vereinten Nationen, nur sehr wenig
tun, wenn sich die betreffende Regierung einzugestehen weigert, dass
sie ein Problem hat, das zu einem gewalttätigen Konflikt führen
könnte, und Hilfsangebote zurückweist. Eine Präventionsstrategie
kann nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn die Vereinten Nationen
das Einverständnis und die Unterstützung der betreffenden
Regierung und sonstiger wichtiger einzelstaatlicher Akteure erhalten.
Zweitens ist es auch dann unwahrscheinlich, dass Präventivmaßnahmen
zum Erfolg führen, wenn wichtige Nachbarn, regionale Verbündete
oder andere Mitgliedstaaten mit guter Ausgangslage, die Anstrengungen
der Vereinten Nationen zu unterstützen, nicht den politischen
Willen aufbringen, diese Unterstützung zu gewähren. 164. Es ist klar,
dass diese Einstellungen nicht das einzige Hindernis für wirksame
Präventivmaßnahmen bilden. Ebenso bedeutsam ist die Art
und Weise, in der die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in einer
bestimmten Krise ihre nationalen Interessen definieren. Selbstverständlich
ist die traditionelle Verfolgung nationaler Interessen stets Teil
der internationalen Beziehungen und des Lebens und der Arbeit der
Vereinten Nationen. Während sich die Welt seit dem Ende des Kalten
Krieges jedoch tiefgreifend verändert hat, hat sich dieser Wandel
in unserem Konzept der nationalen Interessen kaum niedergeschlagen.
Eine neue, breiter angelegte und weiter gefasste Definition nationaler
Interessen in diesem neuen Jahrhundert würde die Staaten bei
der Verfolgung der grundlegenden Ziele der Charta der Vereinten Nationen
zu weitaus größerer Einigkeit führen. Ein globales
Zeitalter erfordert globales Engagement. Im Grunde genommen ist in
einem Zeitalter, in dem sich die Menschheit einer wachsenden Zahl
von Herausforderungen gegenüber sieht, das gemeinschaftliche
Interesse mit dem nationalen Interesse identisch. 165. Selbstverständlich
treten bei der Verwirklichung des gemeinschaftlichen Interesses Hindernisse
auf. Aber welche Alternativen gibt es? Die Frage ist nicht nur von
akademischem Interesse. Die meisten Faktoren, die die Vereinten Nationen
am Eingreifen gehindert haben, um den Völkermord in Ruanda zu
verhindern, bestehen fort. Wenn wir jedoch untätig bleiben, wenn
wir Verbrechen und ethnische Säuberungen schweigend hinnehmen,
riskieren wir nicht nur, an den Rand der Weltpolitik gedrängt
zu werden, sondern wir werden auch das Vertrauen der vielen Millionen
Menschen missbrauchen, die von den Vereinten Nationen die Verwirklichung
der hehren Ideale ihrer Charta erwarten. 166. Als Realisten
müssen wir selbstverständlich auch anerkennen, dass in einigen
Fällen die schiere Hartnäckigkeit von Konflikten und die
Unerbittlichkeit der kriegführenden Parteien ein Gelingen unserer
Bemühungen unwahrscheinlich werden lassen. Darüber hinaus
handelt es sich sehr häufig um lokale Bandenführer und sonstige
nichtstaatliche Akteure, die sich durch die Beschlüsse des Sicherheitsrats
und die Wünsche der internationalen Gemeinschaft nicht gebunden
fühlen. Selbst Kriege, die nach ihrem Ausbruch nicht mehr aufgehalten
werden können, hätten jedoch möglicherweise durch eine
wirksame Präventionspolitik verhindert werden können. Ich
gebe mich nicht der Illusion hin, dass Präventionsstrategien
leicht umzusetzen wären. Die Kosten der Prävention entstehen
heute, doch ihr Nutzen liegt in ferner Zukunft. Dazu kommt, dass dieser
Nutzen oftmals nicht greifbar ist: War die Prävention erfolgreich,
so tritt sie kaum in Augenschein, doch kann ein förderliches
Umfeld mit sozialer Stabilität, Toleranz und stabilen Institutionen
die Grundlage für einen dauerhaften Frieden bilden. 167. Wie ich versucht
habe, in diesem Bericht darzulegen, besteht der am ehesten Erfolg
verheißende Ansatz für die Förderung der in der Charta
angestrebten friedlichen und gerechten Weltordnung darin, einzelstaatliche
und internationale Kapazitäten für langfristige Maßnahmen
zur Verhütung bewaffneter Konflikte aufzubauen. Die wichtigste
Lehre, die aus den einschlägigen Erfahrungen der Vereinten Nationen
gezogen werden kann, besteht darin, dass die Konfliktparteien umso
eher bereit sind, in einen konstruktiven Dialog einzutreten, die tatsächlichen
Missstände, die den potenziellen Konflikten zu Grunde liegen,
anzugehen und keine Gewalt zur Erreichung ihrer Ziele anzuwenden,
je früher die tieferen Ursachen potenzieller Konflikte erkannt
und wirksam angegangen werden. 168. Regierungen, die ihrer souveränen Verantwortung gerecht werden, Situationen, die sich zu einer Gefahr für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit entwickeln könnten, friedlich beizulegen, und die die Vereinten Nationen oder andere internationale Akteure so früh wie nötig um präventive Unterstützung ersuchen, sorgen für den besten Schutz ihrer Bürger vor Einmischung von außen. Auf diese Weise kann die internationale Gemeinschaft durch Präventivmaßnahmen maßgeblich zur Stärkung der nationalen Souveränität der Mitgliedstaaten beitragen. B. Wege zu
einer Kultur der Konfliktprävention 169. Dieser Bericht
belegt auf vielfältige Weise, dass die Zeit gekommen ist, unsere
Anstrengungen zu verstärken, um von einer Kultur der Reaktion
zu einer Kultur der Prävention zu gelangen. Ausgehend von den
in diesem Bericht dargestellten Erfahrungen und Analysen schlage ich
die folgenden zehn Grundsätze vor, an denen sich das Konzept
der Vereinten Nationen für die Konfliktprävention meiner
Ansicht nach künftig ausrichten sollte:
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