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der Kleinstkredite, 2005

 

Mikrofinanzierung und Kleinstkredite

Wie können 100 Dollar ein Wirtschaftssystem verändern?


Über Mikrofinanzierung - Fragen und AntwortenElemente der MikrofinanzierungKredite, die das Leben verändern (Beispiele von Uganda, Bolivien, Kambodscha, die Philippinen und Mosambik)• Die Ziele des Jahres

Ein Kleinstkredit kann eine Familie verändern

Einige können eine Gesellschaft stärken

Tausende können ein ganzes Wirtschaftssystem verändern

 

Er könnte für ein neues Werkzeug sein, eine Maschine oder einen Stand auf dem Marktplatz – Millionen armer Menschen haben einen Kleinstkredit genutzt, um ihr Leben zu verbessern. In den vergangenen 30 Jahren haben Menschen solche Anleihen, auch Kleinstkredite genannt, genutzt, um ein Unternehmen zu gründen, Arbeitsplätze zu schaffen und die Wirtschaft voranzubringen. Arme Menschen haben immer wieder bewiesen, dass sie solche Kleinstkredite pünktlich zurückzahlen können. Aber solche Kredite sind nicht die einzige Antwort.

Arme Menschen benötigen auch andere grundlegende Finanzdienste, wie Versicherungen, ein Sparbuch, oder die Möglichkeit, einem Verwandten Geld zu überweisen. Mit dem Zugang zu einem Kredit und anderer finanzieller Instrumente, die allgemein als Mikrofinanzierung bezeichnet werden, können Familien ihren Bedürfnissen entsprechend investieren – in Schulgebühren, Gesundheitsvorsorge, Ernährung und Unterkunft. Anstatt sich auf das tägliche Überleben zu konzentrieren, können die Menschen ihre Zukunft planen.

Um Programme zur Mikrofinanzierung und zu Kleinstkrediten weltweit zu fördern und um das Leben armer Menschen weltweit entscheidend zu verbessern, hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen das Jahr 2005 zum Internationalen Jahr der Kleinstkredite bestimmt. Obwohl die Mikrofinanzierung immer nur einen Haushalt betrifft, können die Hoffnungen und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, eine ganze Gesellschaft verändern.


Wer nutzt die Mikrofinanzierung?
Die Nutzer sind meist arme Menschen. Unter ihnen sind Hausfrauen, Rentner, Kunsthandwerker oder Landwirte.

 

Wie können selbsttragende Finanzdienstleistungen armen Menschen helfen?
Arme Menschen die Zugang zu Krediten, Ersparnissen, Versicherungen und anderen Finanzdienstleistungen haben, sind widerstandsfähiger und können besser mit den täglichen Anforderungen umgehen. Studien belegen, dass Mikrofinanzierung die Grundbedürfnisse der Menschen erfüllen kann. Mit dem Zugang zur Mikrofinanzierung können arme Menschen mit unerwarteten Ausgaben besser fertig werden, die zum Beispiel durch Krankheiten oder dem Verlust von Besitz verursacht werden. Schon der Besitz eines Sparbuchs kann dazu führen, dass die Menschen tatsächlich sparen. Menschen, die an Programmen zur Mikrofinanzierung teilnehmen, sind wirtschaftlich besser gestellt. Einige Studien belegen, dass die Mikrofinanzierung auch ein Weg aus der Armut sein kann.


Was ist eine Institution zur Mikrofinanzierung?


Eine solche Institution ist eine Organisation, die armen Menschen Finanzdienstleistungen anbietet. Obwohl jede dieser Institutionen anders ist, haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie bieten den Menschen, die meistens ärmer sind als normale Bankkunden, Finanzdienstleistungen an.


Wenn die Mikrofinanzierung für Arme da ist – warum muss dann die Bereitstellung von Finanzdienstleistungen profitabel sein?

nstitutionen zur Mikrofinanzierung müssen profitabel sein, um ihre Kosten zu decken und um die Bedürfnisse von Benachteiligten langfristig befriedigen zu können. Häufig wollen Kleinunternehmer, nachdem sie eine Reihe von Kleinstkrediten in Anspruch genommen haben, ihr Geschäft erweitern. Eine Institution zur Mikrofinanzierung muss dem Bedarf nach größeren Krediten Rechnung tragen können, wenn aus Kleinunternehmen größere Firmen entstehen.


Wie können sich arme Menschen solch hohe Zinsen leisten?
Studien in Indien, Kenia und den Philippinen belegen, dass die durchschnittlichen Renditen von Kleinunternehmen dort zwischen 117 und 847 Prozent betragen. Diese hohen Renditen sind für Kleinunternehmer nicht ungewöhnlich. Obwohl die Zinsen scheinbar hoch sind, machen sie nur einen kleinen Teil der Gesamtrendite aus. Zinssätze von herkömmlichen Geldverleihern sind meist sehr viel höher als die der Institutionen zur Mikrofinanzierung. Die Zinssätze der Institutionen zur Mikrofinanzierung werden so gestaltet, dass für möglichst viele Menschen ein langfristiges Auskommen gesichert werden kann. Im Gegenzug profitiert nur eine kleine Zahl von Kreditnehmern von subventionierten Zinssätzen und das auch nur für einen relativ kurzen Zeitraum.



Legen arme Menschen Ersparnisse an?
Arme Menschen sparen immer, meist jedoch auf informelle Art und Weise. Sie investieren in Schmuck, Nutztiere, Baumaterial und andere Dinge, die sie möglichst rasch wieder gewinnbringend verkaufen können.
Der Zugang zum sicheren Sparen sorgt für ein Polster, wenn Familien mehr Geld benötigen oder in Not sind. Sichere Sparkonten schützen Menschen und schaffen Vorsorge für unerwartete Ausgaben wegen Krankheit, sie sichern die Rente und ermöglichen Kindern die Schulausbildung.


Warum ist die Mikrofinanzierung für Frauen so wichtig?
In einer Welt, in der die meisten armen Menschen Frauen sind, haben Studien belegt, dass der Zugang zu Finanzdienstleistungen den Status der Frauen verbessert hat. Frauen werden dadurch durchsetzungsfähiger. Durch die Mikrofinanzierung bilden Frauen Vermögen, Haus- und Grundbesitz eingeschlossen, treffen selbst Entscheidungen und nehmen Führungspositionen in ihrer Gesellschaft ein.



Wann sind Kleinstkredite ungeeignet?
Kleinstkredite sind nicht geeignet, wenn sie nicht zurückgezahlt werden können. Bevölkerungen, die geografisch sehr verstreut leben oder sehr krankheitsanfällig sind, kommen kaum in Frage. In diesen Fällen sind Subventionen, Verbesserungen der Infrastruktur oder Ausbildungsprogramme effektiver. Kleinstkredite sind dann geeignet, wenn die Kreditnehmer die Möglichkeit besitzen, das Geld unter den ursprünglichen Bedingungen zurückzahlen zu können.

 



Elemente der Mikrofinanzierung


Mikrofinanzierung beinhaltet folgende Bereiche: Kleinstkredite, Ersparnisse, Versicherungen, Überweisungen und andere Finanzdienstleistungen, die arme Menschen nutzen können.

Kleinstkredite sind ein kleiner Geldbetrag, der von einer Bank oder einer anderen Institution zur Verfügung gestellt wird. Ein Kleinstkredit kann einer Einzelperson oder mehreren Personen angeboten werden – oft auch ohne jegliche Sicherheiten.

Kleinst-Sparmöglichkeiten sind eine Form des Sparens, durch die ein Einzelner kleine Summen für die Zukunft hinterlegen kann, häufig ohne eine Mindesteinlage. Solche Sparmöglichkeiten sorgen dafür, dass der Einzelne unerwartete Ausgaben tätigen und in die Zukunft investieren kann.

Kleinst-Versicherungen sorgen dafür, dass Einzelne, Unternehmen oder andere Organisationen eine Summe einzahlen, um ein Risiko gemeinsam zu tragen. Durch einen Versicherungsschutz können sich Kleinunternehmer stärker auf ihr Geschäft konzentrieren, während sie vor Gefahren für ihren Besitz und ihre Gesundheit geschützt sind.

Geldüberweisungen sind der sicherste Weg, anderen Geld zukommen zu lassen, unabhängig von der politischen und wirtschaftlichen Situation.

Was sind selbsttragende Finanzdienstleistungen?

Durch selbsttragende Finanzdienstleistungen können arme Menschen Kredite und Versicherungen erhalten, Überweisungen tätigen und Sparmöglichkeiten einrichten. In vielen Ländern bietet der herkömmliche Finanzsektor ärmeren Menschen diese Dienste nicht an. Die Einrichtung selbsttragender Finanzdienstleistungen sorgt dafür, dass alle Einkommensschichten diese Dienste in Anspruch nehmen können und so Wirtschaftswachstum entstehen kann.


Kredite, die das Leben verändern


Uganda: Ein Stadtgespräch zum Erfolg

Fatima Serwoni lebt im Dorf Namunsi in Uganda und betreibt ein kleines Ladengeschäft mit Lebensmitteln und Haushaltswaren. Sie baute ihr Geschäft mit einer Reihe von Krediten von FOCCAS, einer örtlichen Mikrofinanzeinrichtung auf. Seitdem sie Kunde von FOCCAS wurde, hat sich ihr Einkommen um 80 Prozent erhöht und sie konnte regelmäßig die Schulgebühren für ihre vier Kinder bezahlen. Mit ihrem letzten Kredit hat sich Fatima ein Mobiltelefon gekauft, um in das Telekommunikationsgeschäft einzusteigen, womit sie eine der ersten lokalen Telefonnetzbetreiberinnen von MTN villagePhone, einer Initiative der Grameen Foundation USA und MTN Uganda wurde. Unbeeindruckt von der fehlenden Elektrizität in ihrem Dorf, benutzt Fatima eine Autobatterie zum Aufladen ihres Telefons. Da der nächste öffentliche Münzsprecher mehr als vier Kilometer entfernt liegt, sind die Leute in Fatimas Dorf glücklich über die erste bequeme und erschwingliche Möglichkeit zum Telefonieren. Fatima ist zufrieden mit ihrem neuen Geschäft, das auch noch einen Mehrwert generiert, indem es mehr Kunden in ihr Ladengeschäft lockt und sie einen größeren Profit mit ihrer Familie teilen kann.



Bolivien: Drei Kinder beenden die Schule

Fortunata María de Aliaga verkauft seit jeher Blumen an einer Straßenecke im bolivianischen La Paz. Als ihre Kinder jung waren, arbeitete sie von früh bis spät um ihnen die Chance zu geben, die sie nie hatte: die Chance zur Schule zu gehen. Es gab Tage, an denen sie kaum genug Geld hatte, um die Verkaufsware zu beschaffen.
Dann, vor 15 Jahren, hörte Fortunata von der Banco Sol, eine Tochtergesellschaft von ACCION International. Zusammen mit drei anderen Frauen erfüllte sie die Kriterien für einen Kredit, der ihr erlaubte Blumen beim Grossisten zu einem viel geringeren Preis einzukaufen. Mit pünktlichen Rückzahlungen hat sich Fortunata für größere Kredite qualifiziert und nahm schließlich Kredite für sich alleine auf. Heute ist Fortunata stolz darauf berichten zu können, dass sie ihre Ersparnisse für einen guten Zweck einsetzt: „Alle meine drei Kinder haben die Schule beendet,“ strahlt sie. „Und ich habe sogar etwas Geld übrig, um mein Haus ein wenig zu renovieren.“

Kambodscha: Ein stabiles Dach über dem Kopf

Phorn Hun hatte niemals eigenen Besitz. Sie lebte in einem mit Stroh gedeckten Haus, das entlang der Mauer einer Pagode stand. Niemand, nicht einmal die privaten Geldverleiher, wollten ihr einen Kredit geben. Im Jahr 1998 jedoch wandte sie sich an die ACLEDA Bank und berichtete von ihrer unglücklichen Lage. Sie sprach über die Idee, ein Nudelgeschäft zu eröffnen und die Bank bot ihr einen Kredit von 25 US-Dollar an. Mit den Gewinnen konnte Frau Hun ein kleines Stück Land kaufen und darauf ein Holzhaus mit einem Metalldach errichten, ein Luxus, den sie sich davor niemals hätte leisten können. Sie ist noch heute Kreditnehmerin der ACLEDA Bank und hat inzwischen zehn Kredite in Folge getilgt. Die ACLEDA Bank gab ihr die Chance ein neues und erfolgreiches Unternehmen zu gründen und sie zog den Gewinn daraus.

Die Philippinen: ein florierendes Geschäft

Gloaria Caramant und Beth Sabinian errichteten 1990 auf den Philippinen eine Blumengärtnerei. Mit einem kleinen Geschäftskredit vom Zentrum für Landwirtschaft und ländlicher Entwicklung erweiterten Gloria und Beth ihr Geschäft. Heute verfügen sie über zwei Grundstücke auf denen ihre Blumen – ebenso wie ihr Unternehmen – blühen. Ihre Hauptkundschaft sind Landschaftsgärtner und Bauträger. Gloria und Beth denken gerade über einen größeren Kredit zur Anschaffung eines Geländewagens nach, mit dem sie ihre Blumen zu den Kunden bringen können. Damit hoffen sie, ihre Lieferkosten zu verringern.

Mosambik: eine Nische für Kunsthandwerker schaffen

Als die Organisation Hilfe für Kunsthandwerker (Aid to Artisans, ATA) das erste Mal auf Mabanda (geboren als Jose Rodrigues Fumo) stieß, schnitzte er gerade unter einem Baum. Mabanda, der anfänglich alleine sein Gewerbe betrieb, beschäftigt heute vier andere Kunsthandwerker in seiner Werkstatt. ATA fördert Kleinstunternehmen, indem sie Bestellungen bei kleinen Unternehmern wie Mabanda aufgibt und 50 Prozent des Endverkaufspreises als Arbeitskapital für Kunsthandwerker zur Verfügung stellt. Neben Sandelholzvasen ist sein erfolgreichstes Produkt eine geschnitzte Sandelholzstatue – eine stehende Figur mit einem Gesicht aus langem Haar –, die in bedeutenden Designmagazinen abgebildet war. Mabanda lässt die Vorderseite der Statue grobgeschnitzt und poliert die Rückseite glänzend.

„Ich verkaufe heute mehr,“ sagt Mabanda. „Ich kann mehr arbeiten, weil ich weiß, dass ich meine Ware auch absetzten kann. Mein Leben hat sich wegen der großen internationalen Aufträge, die ich bekomme, verbessert. Ich nehme sehr viel mehr Geld als auf dem öffentlichen Markt ein!“


Internationales Jahr der Kleinstkredite 2005
Kleinstkredite haben in über drei Jahrzehnten auf der ganzen Welt das Leben von Menschen verändert und Gemeinschaften mit neuem Leben gefüllt. Kleinstunternehmer haben so kleine Kredite wie 100 US-Dollar dazu genutzt, blühende Unternehmen aufzubauen, die wiederum ihre Familien versorgen und so zu einer starken und florierenden lokalen Wirtschaft führen. Das Jahr der Kleinstkredite 2005 ruft dazu auf selbsttragende Finanzdienstleistungen zu schaffen und den kraftvollen, wenn auch oft ungenutzten, Unternehmergeist in verarmten Gemeinschaften zu stärken. Die Ziele des Jahres sind unter anderem:

  • das öffentliche Bewusstein und Verständnis für Kleinstkredite und Mikrofinanzierung zu steigern, um so zur Armutsverminderung – einem der wichtigsten Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen – beizutragen;
  • Strategien zur Auflage von Kleinstkrediten und Mikrofinanzierung als unabdingbaren Teil von Finanzsystemen zu entwickeln;
  • Kleinstkredit- und Mikrofinanzorganisationen in die Lage zu versetzten, den Armen noch effektiver Kredite zu vergeben, und die Kapazität der Geberinstitutionen und Regierungen, die diese Organisationen unterstützen, zu erhöhen;
  • die Reichweite von Kleinstkredit- und Mikrofinanzorganisationen zu erhöhen mit der Förderung von Partnerschaften zwischen Regierungen, den Vereinten Nationen, dem privaten und öffentlichen Sektor und Nichtregierungsorganisationen.


Weitere Informationen zum Internationalen Jahr der Kleinstkredite und zum Engagement von Organisationen finden Sie auf der folgenden Internetseite:
www.yearofmicrocredit.org

oder bei folgenden UNO-Organisationen:
UN Capital Development Fund
Two UN Plaza, 26th floor
New York, NY 10017, USA
Internet: www.uncdf.org
Tel.: 001-212- 906-6611
Email: yearofmicrocredit@uncdf.org

UN Department of Economic and Social Affairs
Two Un Plaza, Room DC2-1358
New York, NY 10017, USA
Tel.: 001-212-963-1371
Email: ymicrocredit2005@un.org

Für Medienanfragen:
UN Department of Public Information
Development Section
Room S-1040, United Nations
New York, NY 10017, USA
Tel.: 001-212-963-6877
Email: mediainfo@un.org

Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa
RUNIC Brüssel: Résidence Palace, 155, Rue de la Loi, 1040 Brussels, Belgium
RUNIC Bonn: Martin-Luther-King-Str. 8, 53175 Bonn, Germany
Internet: www.runic-europe.org
Tel. Brussels: +32-2-7888-462
Tel. Bonn: +49-228-815-2773/74
Email: info@runic-europe.org


Internationales Jahr der Kleinstkredite 2005
Die Vereinten Nationen danken für die freundliche Unterstützung durch die Hauptsponsoren des Internationalen Jahres der Kleinstkredite: Citigroup, ING Group und der United Nations Foundation.



Veröffentlicht von der Hauptabteilung Presse und Information der Vereinten Nationen in Zusammenarbeit mit dem Kapitalentwicklungsfonds der Vereinten Nationen und der Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen
DPI/2359 – August 2004
Deutsche Übersetzung: Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa.


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