HIV/AIDS

 

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Rede des Generalsekretärs




Generalsekretär Kofi Annan

Rede zur Sondertagung der Generalversammlung
der Vereinten Nationen über HIV/Aids

New York, 25. Juni 2001

Herr Präsident,
Exzellenzen,

wir sind hier zusammengekommen, um über eine Krise zu sprechen, wie es sie zuvor noch nie gegeben hat; für die es jedoch auch eine Lösung gibt: Gegenmaßnahmen von uns allen, wie es sie zuvor noch nie gegeben hat. Wir sind hier zusammengekommen, um uns über die Maßnahmen zu einigen, die zu ergreifen sind.

In den zwanzig Jahren, seitdem die Welt zum ersten Mal von Aids gehört hat, hat sich die Epidemie bis in jede Ecke der Welt ausgebreitet. Sie hat fast 22 Millionen Menschenleben gefordert. Sie hat 13 Millionen Kindern zu Waisen gemacht. Heute leben mehr als 36 Millionen Menschen in der ganzen Welt mit HIV/Aids. Allein im letzten Jahr haben sich mehr als fünf Millionen Menschen infiziert. Jeden Tag infizieren sich zusätzliche 15.000 Menschen mit dem Virus. In einigen afrikanischen Ländern hat HIV/Aids die Entwicklung um ein Jahrzehnt oder mehr zurückgeworfen. Und jetzt breitet sich die Epidemie mit erschreckender Geschwindigkeit in Osteuropa, in Asien und in der Karibik aus.

Bislang waren die Gegenmaßnahmen, die die Welt ergriffen hat, der Herausforderung nicht gewachsen. Aber in diesem Jahr haben wir eine Trendwende erlebt. Aids kann sein tödliches Handwerk nicht länger im Dunkeln betreiben. Die Welt beginnt, aufzuwachen. Wir können das in den Medien und bei der öffentlichen Meinung feststellen - angeführt von Ärzten und Sozialarbeitern, von Aktivisten und Wirtschaftswissenschaftlern, und vor allem von Menschen, die mit der Krankheit leben. Wir haben das bei den Regierungen gesehen. Und bei der Privatwirtschaft.

Noch nie, seitdem dieser Alptraum begann, hat es ein so starkes gemeinsames Engagement gegeben. Noch nie haben wir so deutlich die Notwendigkeit erkannt, Führungskultur, Partnerschaft und Solidarität miteinander zu verbinden.

Führungskultur ist in jedem Land notwendig, in jeder Gemeinschaft - und auf der internationalen Ebene, wo sich jetzt das gesamte System der Vereinten Nationen engagiert. Wir alle müssen Aids als unser Problem begreifen, müssen es zu unserem vordringlichen Anliegen machen. Partnerschaft ist notwendig zwischen Regierungen, privaten Unternehmen, Stiftungen, internationalen Organisationen - und, natürlich, der Zivilgesellschaft.

Seit den frühsten Anfängen waren Nichtregierungsorganisationen an vorderster Front des Kampfes gegen Aids tätig. Wir alle müssen von ihren Erfahrungen lernen und ihrem Beispiel folgen. Es ist daher völlig richtig, dass sie eine aktive Rolle in dieser Tagung einnehmen. Schließlich ist auch Solidarität notwendig - zwischen den Gesunden und den Kranken, zwischen reich und arm und, vor allem, zwischen reicheren und ärmeren Nationen.

Die Ausgaben zur Bekämpfung von Aids in der Entwicklungswelt müssen um ein Fünffaches der gegenwärtigen Aufwendungen steigen. Die Entwicklungsländer sind bereit, ihren Anteil zu leisten - so wie es die afrikanischen Regierungschefs beim Abuja Gipfel zusagten. Aber sie können die erforderlichen Mittel nicht alleine aufbringen. Die Menschen in den Industriestaaten zeigen, dass sie dies verstanden haben. Ich rufe deshalb ihre politischen Entscheidungsträger dazu auf, auch dementsprechend zu handeln.

Wir müssen das für diese außergewöhnliche Anstrengung erforderliche Geld mobilisieren - und wir müssen sicherstellen, dass es wirksam verwendet wird. Deshalb habe ich die Einrichtung eines globalen Aids- und Gesundheitsfonds vorgeschlagen, an dem sich Regierungen und private Geldgeber beteiligen können, und der uns dabei helfen soll, die erforderlichen umfassenden, kohärenten und koordinierten Strategien zu finanzieren. Unser Ziel ist es, den Fonds bis zum Ende des Jahres funktionsfähig zu machen. Ich werde weiterhin mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Ich danke allen, die bereits Zusagen gemacht haben. Ich hoffe, Andere werden ihrem Beispiel folgen - in der Sondertagung und danach.

Wenn wir Andere auffordern, ihr Verhalten zu ändern, um sie vor einer Ansteckung zu schützen, dann müssen wir bereit sein, auch unser eigenes Verhalten in der Öffentlichkeit zu ändern. Wir können mit Aids nicht durch moralische Urteile fertig werden oder durch die Weigerung, unerfreulichen Wahrheiten ins Auge zu schauen - und noch weniger durch Stigmatisierung der Infizierten oder alleinige Schuldzuweisung an sie. Dazu bedarf es klare und offene Worte darüber, wie sich Menschen infizieren können, und was sie tun können, um eine Ansteckung zu verhindern.

Vergessen wir nicht, dass jede Person, die infiziert ist - aus welchem Grund auch immer - ein Mitmensch ist, mit Menschenrechten und menschlichen Bedürfnissen. Niemand darf sich der Täuschung darüber hingeben, dass wir uns durch Barrieren zwischen uns und den Anderen schützen können. In der brutalen Welt von Aids gibt es kein „wir“ und die „Anderen“. Um das zu erreichen, müssen wir uns ändern - wenn nicht um unserer selbst, so doch um unserer Kinder willen.

Wir müssen diese Sondertagung der Generalversammlung zu einer im besten Sinne des Wortes besonderen Tagung machen. Und wir müssen der Welt eine Botschaft der Hoffnung senden.

Vielen Dank.

 

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