Drogen


UNDCP (11456 bytes)

Presseunterlage Nr. 3

Amphetaminartige Aufputschmittel -
Ein Problem, das vorrangige Aufmerksamkeit verlangt


Lange als eine Gruppe von psychoaktiven Medikamenten zur Behandlung verschiedener Erkrankungen anerkannt, stellen amphetaminartige Aufputschmittel (ATS) heute ein besonderes Problem für die internationale Drogenkontrolle dar. Die relativ einfache und flexible Herstellungsform, leicht verfügbare Rohstoffe, hohe Gewinnspannen für Hersteller und niedrige Preise für Konsumenten bieten Chancen und Anreize für den illegalen Markt.

Zu den am häufigsten mißbrauchten und illegal vertriebenen ATS Substanzen gehören: Methamphetamin, Amphetamin, Ecstasy (MDMA) und Methcathinon, die hauptsächlich in geheimen Labors hergestellt werden, sowie Fenetyllin und Pemolin, die aus dem legalen Handel abgezweigt werden können.

Wirkungen von ATS

Die Attraktivität amphetaminartiger Aufputschmittel liegt für die Benutzer gewiß in ihrer Wirkung auf das zentrale Nervensystem. Sie führen zu vermehrter geistiger Tätigkeit, Beschwingtheit, Euphorie, zu allgemeinem Wohlbefinden und einer erhöhten Leistungsfähigkeit.

Wie im Bericht des Internationalen Suchtstoffkontrollrates (INCB) von 1997 dargestellt, besteht auch eine gesteigerte Nachfrage nach gewichtsreduzierenden Tabletten (Anoretika), die ATS enthalten und als Wundermittel für sofortigen Gewichtsverlust angepriesen und auf den Markt gebracht werden. Der Rat fordert in dem Bericht Staaten, in denen ein besonders hoher Verbrauch von Anoretika festgestellt wurde, dazu auf, die Situation genau zu Überwachen und einer zu häufigen Verordnung dieser Drogen vorzubeugen, da sie süchtig machen und außerdem eine Reihe von gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen haben, die von hohem Blutdruck bis zu Paranoia und gewalttätigem Verhalten reichen.

Diese Substanzen können die psychologische und geistige Verfassung des Benutzers tiefgreifend beeinflussen. Sie machen abhängig und bergen ein Suchtrisiko, das genauso hoch ist wie bei Kokain. Sie führen auch zu immer höheren Toleranzwerten: man braucht immer stärkere Dosierungen, um den gleichen stimmungshebenden Effekt zu erreichen. Wenn die anfängliche Euphorie nachläßt, kann dies auch zu Angstzuständen, zu Paranoia oder zu einer Amphetamin-Psychose führen, die oft ein aggressives und gewalttätiges Verhalten hervorruft.

Durch Injektion (“Speed“) oder Rauchen (“Ice“) konsumierte Methamphetaminen machen am raschesten süchtig. Aufgrund des schnellen Wirkungsbeginns sind diese Drogen besonders beliebt. Die Dauer der anregenden Wirkung amphetaminartiger Aufputschmitteln ist in der Regel länger als bei Kokain. Dies bietet “mehr für's Geld“ und vergrößert den potentiellen Markt.

Formen des Mißbrauchs

Trotz Unterschieden in den Indikatoren und der Art der Berechnung, nehmen amphetaminartige Aufputschmittel in einer Vielzahl von Ländern die Plätze eins bis drei unter den am häufigsten mißbrauchten Drogen ein. In Japan hängen fast 90% der Drogendelikte mit Methamphetamin zusammen. Auf den Philippinen, wo es “Shabu“ genannt wird, ist Methamphetamin offenbar seit den frühen 90er Jahren die am häufigsten mißbrauchte Droge. In Korea liegt der Mißbrauch von “Ice“ nach Cannabis an zweiter Stelle. Auch in Australien ist Amphetamin die am zweithäufigsten mißbrauchte Substanz nach Cannabis.

In Neuseeland liegt der Mißbrauch von Amphetamin nach Cannabis und Halluzinogenen an dritter Stelle. Die meisten Untersuchungen in Großbritannien weisen dem Mißbrauch von Amphetamin die Plätze zwei oder drei im Drogenmißbrauch zu. Die Nationale Suchtstoffbehörde der Vereinigten Staaten berichtet, daß die jährliche Mißbrauchsrate aller Aufputschmittel, einschließlich legaler, von Oberschülern der 12. Klasse 1992 bei 7% lag; das bedeutet, daß Aufputschmittel, nach Inhalationsmitteln und Marihuana, die am meisten mißbrauchten Substanzen sind. In Schweden sind Amphetamine nach Cannabis die am zweithäufigsten mißbrauchten Drogen; fast ein Drittel aller Verurteilungen wegen Drogen in den frühen 90er Jahren gingen auf das Konto von Amphetaminmißbrauch.

Historisch gesehen wurde die illegale Nachfrage nach amphetaminartigen Aufputschmitteln lange Zeit durch Abzweigung aus dem legalen Markt, zumeist durch zu häufige ärztliche Verschreibung, gedeckt. Mit zunehmender Erkenntnis des begrenzten therapeutischen Nutzens dieser Substanzen, dem anhaltenden Rückgang der weltweiten legalen Herstellung und den strengeren Kontrollmaßnahmen, verlagerte sich die Hauptversorgungsquelle schrittweise auf geheime Produktionsbetriebe. Zwei weitere Faktoren begünstigten die Zunahme der illegalen Produktion: die Anzahl und Einfachheit der synthetischen Herstellungsmethoden und der leichte Zugang zu einer Vielzahl von potentiellen Ausgangsmaterialien (chemischen Vorläufersubstanzen). ähnlich wie bei der Herstellung der Aufputschmittel gab es in den letzten 15 bis 20 Jahren auch bedeutende Veränderungen bei der geheimen Verwendung von bestimmten Vorläufersubstanzen.

“Ice“ gelangte von Hawaii aus auf den amerikanischen Markt und wurde in den späten 80er und den frühen 90er Jahren durch asiatische Drogenhändlerringe entlang der Westküste verbreitet. Auch heute noch ist “Ice“ vor allem im asiatisch-amerikanischen Raum zu finden und spielt im Vergleich zum traditionellen Methamphetamin-Mißbrauch nur eine untergeordnete Rolle. “Ice“ ersetzte jedoch nicht, wie in den frühen 90er Jahren befürchtet, Crack/Kokain als die am meisten mißbrauchte Droge.

Trotzdem bleibt die allgemeine Lage des Methamphetaminmißbrauchs weiterhin ernst, vor allem, wenn man bedenkt, daß mehr als 80% der geheimen Labors, die in den 90er Jahren in den Vereinigten Staaten entdeckt wurden, Methamphetamin-Laboratorien waren.

In Europa gehören die Amphetamine zu den sogenannten “Tanzdrogen“ (zusammen mit MDMA und LSD), die für die “Rave-Szene“ in Großbritannien aber auch anderswo in Europa typisch sind. Zahlreiche Konsumenten von Ecstasy (MDMA) haben experimentiert und sind zu den billigeren Amphetaminen übergegangen. “Gefälschtes Ecstasy“ (fake ecstasy), das aus einer Mischung aus halluzinogenen Substanzen und Amphetaminen besteht, wird ebenfalls auf diesem Markt angeboten. In Großbritannien stiegen Beschlagnahmen von Amphetamin seit 1987 auf das vierfache. In Frankreich verdoppelten sich die Beschlagnahmen von ATS zwischen 1992 und 1993. Außerdem wird über zunehmenden ATS-Mißbrauch aus den Niederlanden, Finnland und Osteuropa, besonders aus den Baltischen Staaten und der Tschechischen Republik, berichtet.

Der illegale Handel mit ATS

  • Der unerlaubte Handel mit ATS ergänzt den viel größeren illegalen Markt der sogenannten “natürlichen Drogen“, die aus Pflanzen gewonnen werden. Aber: ATS sind im Vormarsch. Die einfacheren Herstellungsverfahren, die leichte Zugänglichkeit und die niedrigeren Einzelpreise sind Gründe für den rasch wachsenden Marktanteil amphetaminartiger Aufputschmittel.
  • Der Markt ist wie ein Mosaik: Bestimmten amphetaminartigen Aufputschmitteln wird über einen längeren Zeitraum und aus einer Vielzahl von Gründen in bestimmten Ländern und Subregionen der Vorzug gegeben.
  • Angesichts der enormen Vielzahl verfügbarer Ausgangsstoffe, Herstellungsverfahren und Endprodukte ist eine erhebliche Diversifizierung der angebotenen Aufputschmittel möglich, die auch in der Tat in den letzten beiden Jahrzehnte festgestellt wurde. Dies macht Kontrollen so schwierig, besonders wenn man bedenkt, wie einfach neue Substanzen mit ähnlichen Merkmalen wie die kontrollierten amphetaminartigen Aufputschmittel hergestellt werden können, die oft nur geringfügig in ihrer chemischen Zusammensetzung von einander abweichen.
  • Der Markt für ATS hat auch einem zunehmend vielschichtigen Handel mit chemischen Vorläufersubstanzen, die zur ATS-Herstellung benötigt werden, Auftrieb verliehen. Die Kontrolle dieser Substanzen ist besonders schwierig, da oft nur ein minimaler Anteil ihrer Gesamtproduktion für illegale Zwecke abgezweigt wird.

Entwurf eines Aktionsplanes

Der Sondertagung wird der Entwurf eines Aktionsplanes für internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen ATS und ihre Vorläufersubstanzen vorliegen. Der Plan empfiehlt Maßnahmen in fünf Schlüsselbereichen: Die Staaten sollen das Problembewußtsein der Öffentlichkeit für die Gefahren dieser Drogen schärfen, die Nachfrage reduzieren, genaue Informationen verbreiten, das Angebot eindämmen, und die ATS-Kontrollen verschärfen.

Das Problembewußtsein schärfen

Obwohl das ATS-Problem in vielen Ländern noch relativ neu ist, nimmt es rasch an Umfang zu. Ebenso rasch ändern sich Ausmaß und geographische Ausbreitung des Mißbrauchs. Bis jetzt ist das weltweite Interesse für dieses Problem noch sehr begrenzt und die Reaktionen sind heterogen und vielschichtig.

Folgende Schritte werden empfohlen:

  • Die internationale Gemeinschaft soll dem Kampf gegen ATS in all seinen Formen größere Priorität einräumen;
  • Das Internationale Drogenkontrollprogramm der Vereinten Nationen (UNDCP), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) sollen ihre Arbeit über die technischen und wissenschaftlichen Fragen des ATS-Problems fortsetzen und die Ergebnisse veröffentlichen; und
  • Die Staaten sollen dem ATS-Problem entsprechenden Vorrang einräumen und den Privatsektor und Nichtregierungsorganisationen mobilisieren, bei der Aufklärung der Öffentlichkeit über dieses Problem zu helfen.

Die Nachfrage reduzieren

Der Mißbrauch von ATS ist immer häufiger bei jungen Menschen festzustellen, die glauben, daß ATS harmlos und sicher sind. Um diesem Trend entgegenzuwirken, werden internationale Organisationen wie UNDCP und WHO aufgerufen:

  • Informationen über die gesundheitlichen Folgen von ATS-Mißbrauch zu sammeln;
  • die Ursachen für die steigende Nachfrage nach diesen Aufputschmitteln zu erforschen;
  • gute Beispiele für die Prävention und Behandlung des ATS-Mißbrauchs und für die Verordnung von legalen ATS zu dokumentieren und zu veröffentlichen; und
  • die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen zu koordinieren.
  • Die Staaten sollen: die wechselnden Formen von ATS-Mißbrauch kontinuierlich Überwachen;
  • die sozialen, wirtschaftlichen, gesundheitlichen und kulturellen Dimensionen des ATS-Mißbrauchs untersuchen;
  • der Forschung - z.B. über die Langzeitfolgen des ATS-Mißbrauchs auf die Gesundheit – Vorrang einräumen;
  • Informationen über die schädlichen Folgen des ATS-Mißbrauchs in ihre Aufklärungs-und Bildungsarbeit einbeziehen.

Genaue Informationen verbreiten

Informationen über unerlaubte ATS sind für viele Menschen jetzt über moderne Kommunikationsmittel, wie etwa das Internet, zugänglich. Rezepte, Herstellungsverfahren und Darstellungen von ATS als harmlose Drogen sind allgemein verfügbar.

Der Plan empfiehlt daher, Konsultationen mit Vertretern aus Telekommunikation und der Software-Industrie auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene in die Wege zu leiten, um folgende Anliegen zu Fördern und zu unterstützen:

  • Selbstbeschränkung bei der Verbreitung von Informationen über illegale Drogen;
  • Produktion von Software-Paketen (vor allem für junge Menschen), die die Gefahren des ATS-Mißbrauchs aufzeigen und für gesunde Lebensformen werben;

Außerdem sollen die Staaten:

  • offene Beschwerdeverfahren einrichten;
  • mit “Service-Providern“ und der Telekommunikationsindustrie über Methoden verhandeln, wie offensive Drogeninformationen aus dem Internet verbannt werden können;
  • moderne Informationstechnologien einsetzen, um Informationen über die nachteiligen gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen des ATS-Mißbrauchs aufzuzeigen;
  • die Bestimmungen von Artikel 10 der Konvention über psychotrope Substanzen von 1971 (über das Verbot der öffentlichen Werbung für kontrollierte Suchtstoffen) ausführen; und
  • die einschlägigen internationalen Organisationen, wie UNDCP, UNESCO, WHO, INTERPOL und die Weltzollorganisation (WCO) in ein weltweites “Clearing-House-System“ zusammenführen, das genaue und aktuelle Informationen über die verschiedenen Aspekte des ATS-Problems anbieten kann.

Das Angebot eindämmen

Die wichtigsten Strategien, um das Angebot von ATS unter Kontrolle zu bringen, zielen auf den Handel, die illegale Herstellung und die Verbreitung von Chemikalien ab, die zur Herstellung dieser Aufputschmittel verwendet werden (Vorläufersubstanzen). Viele dieser Substanzen werden zu ganz legalen Verwendungszwecken in der Industrie hergestellt und weltweit gehandelt. Deshalb bedarf es der freiwilligen Zusammenarbeit der Industrie, um eine wirksame überwachung dieser Substanzen zu ermöglichen.

Die zuständigen Behörden auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene sollen daher:

  • die Umsetzung von Kontrollmaßnahmen gegen die Verbreitung von ATS-Vorläufersubstanzen verbessern, verstärkt auf Instrumente wie die Notifikation vor dem Export zurückgreifen und den Informationsaustausch verbessern;
  • für eine bessere überwachung von nichtkontrollierten Stoffen sorgen, die häufig für die unerlaubte Herstellung von ATS verwendet werden;
  • als Teil eines allgemeinen “Frühwarnsystems“, eine internationale Sonderüberwachungsliste für jene Substanzen erstellen, die zur illegalen ATS-Produktion verwendet werden;
  • die strafrechtliche Verfolgung der Abzweigung von nichtkontrollierten chemischen Stoffen aus dem legalen Handel erwägen, wenn diese Abzweigung mit dem Wissen geschah, daß diese Substanzen für die illegale ATS-Herstellung vorgesehen sind; und
  • den Informationsaustausch zwischen den zuständigen Behörden Fördern.

Als Maßnahme gegen die geheime Herstellung von ATS sollen die internationalen, regionalen und nationalen Behörden außerdem:

  • geheime Herstellungsmethoden Überwachen;
  • Analysen und Profile für die Feststellung von ATS-Drogen entwickeln;
  • den Verkauf bestimmter Laborausrüstung Überwachen; und
  • alle Vollzugs- und Kontrollbeamte, die im Bereich der ATS-Kontrolle eingesetzt werden, entsprechend schulen.

 

ATS-Kontrollen verschärfen

Die Anwendung des internationalen Drogenkontrollsystems auf die geheim hergestellten ATS hat folgende Mängel deutlich werden lassen: das Verfahren zur Erfassung psychotroper Substanzen für die Aufnahme in international Kontrollregister ist zu schwerfällig; die Kontrolle der chemischen Vorläufersubstanzen ist noch zu neu; und die Verfahren zur änderung des Kontrollbereiches bei internationalen Drogenabkommen sind noch zu unterschiedlich. Ein wirksames Kontrollsystem muß rasch, flexibel und einfach an neue Gegebenheiten angepaßt werden können.

Der vorliegende Aktionsplanentwurf empfiehlt den internationalen und regionalen Organisationen, sowie den Staaten:

  • das Kontrollsystem zu verbessern, vor allem durch mehr Flexibilität bei der Auflistung (Katalogisierung und Klassifizierung) der kontrollierten Drogen;
  • die einschlägigen Resolutionen des Rates umzusetzen und den Empfehlungen des INCB Rechnung zu tragen;
  • angemessene Sanktionen und Strafen - einschließlich zivilrechtlicher Geldstrafen und Ordnungsstrafen - für die illegale Herstellung, den Handel und den Mißbrauch von ATS einzuführen;
  • neu auf den illegalen Märkten entdeckte ATS rasch zu identifizieren, zu beschlagnahmen und der Kontrolle zu unterstellen;
  • über Herstellungsmethoden, Vorläufersubstanzen, Reinheit, Preise und Angebotsquellen Daten zu sammeln und Informationen auszutauschen;
  • im Bereich des zwischenstaatlichen Informationsaustausches über Gesetze zur Kontrolle von ATS, der Vorkehrungen zur überwachung neuer Entwicklungen auf dem Gebiet der heimlichen Herstellung und des Handels von ATS die regionale Zusammenarbeit zu stärken; und
  • Kanäle für rasche Information zu schaffen und Staaten mit begrenzter Sachkenntnis im Umgang mit ATS zu beraten und zu unterstützen.

 

Herausgegeben vom Internationalen Drogenkontrollprogramm der Vereinten Nationen (UNDCP).
Deutsche Fassung: Informationsdienst der Vereinten Nationen, Wien und Informationszentrum der Vereinten Nationen, Bonn – Mai 1998.


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