Drogen


UNIC/INCB/21
23. Februar 1999

INCB-Jahresbericht 1998
Pressemitteilung Nr. 4

Europäer nehmen Beruhigungsmittel,
Amerikaner mehr Aufputschmittel

WIEN, 23. Februar 1999 (UNO-Informationsdienst) -- Die Europäer halten den Weltrekord bei der Einnahme von streßmindernden Mitteln; Nord- und Südamerikaner sind hingegen die größten Konsumenten von leistungssteigernden Substanzen oder Aufputschmitteln. Dies geht aus dem jüngsten Bericht des Internationalen Drogenkontrollrates (International Narcotics Control Board, INCB) hervor.

Streßmindernde Drogen (Benzodiazepine) werden in einigen europäischen Ländern von bis zu zehn Prozent der Bevölkerung eingenommen, wobei Menschen über 65 Jahren den größten Teil dieser Drogen konsumieren. Europäer dieser Altersstufe sind bereits im Ruhestand und unterliegen nicht länger beruflichem Streß. Dennoch konsumieren viele diese Drogen, um mit der Isolation oder den drohenden Veränderungen im Tagesablauf fertigzuwerden. Aber die Behandlung dieser Symptome mit Benzodiazepinen kann gefährlich sein, weil sie ein hohes Mißbrauchs- und Abhängigkeitspotential bergen.

In Amerika, insbesondere aber in den Vereinigten Staaten, werden leistungssteigernde Mittel an Kinder verabreicht, um ihre schulische Leistung zu verbessern oder ihnen bei den schulischen Anforderungen zu helfen. Sie werden auch von Erwachsenen bei Figurproblemen, zur Verbesserung des athletischen könnens und der sozialen Fähigkeiten sowie zur Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit genommen.

Die Amerikaner verwenden beträchtlich mehr Stimulanzien als die Bevölkerungen in anderen Regionen. Dies betrifft insbesondere Substanzen vom Amphetamin-Typ für Diätzwecke und Methylphenidat, zumeist in Form des Medikaments Ritalin, zur Behandlung von Konzentrationsschwäche und Hyperaktivität (ADHD) bei Kindern. ADHD-Patienten in den Vereinigten Staaten konsumieren insgesamt 330 Millionen Tagesrationen (Defined Daily Dosis, DDD), verglichen mit insgesamt ungefähr 65 Millionen DDD für Patienten in allen anderen Teilen der Welt.

Die Behandlungsrate für ADHD beläuft sich in einigen amerikanischen Schulen auf 30 bis 40 Prozent einer Klasse und sogar einjährige Kinder werden bereits mit Methylphenidat behandelt. Der Rat ist besorgt darüber, daß diese Drogen ohne Rücksicht auf ihr Mißbrauch- und Abhängigkeitspotential verschrieben werden.

Der Rat stellt ferner fest, daß die amerikanische Kultur und ihr Drogenkonsummuster einen starken Einfluß auf andere Regionen haben. Die Anwendung von Methylphenidat bei Kindern hat in Australien, Kanada und einigen europäischen Ländern rasch zugenommen, wo eine diesbezügliche Diagnose durch einen Spezialisten nicht erforderlich ist. Der Konsum von Stimulanzien des Amphetamin-Typs für Diätzwecke steigt Berichten zufolge in Asien rasch an. Das betrifft auch den Handel und Mißbrauch von sowohl legal wie auch illegal hergestellten Drogen dieses Typs.

Die Zahl der psychoaktiven Drogen - bewußtseinsverändernde Präparate wie Stimulanzien und Benzodiazepine - zur Unterstützung bei der Bewältigung des Lebens oder zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens hat während der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts stark zugenommen. Einige dieser Substanzen sind wegen ihres Mißbrauchs und Suchtpotentials im Internationalen Drogenkontrollvertrag von 1971 verzeichnet.

Der hohe Konsum von leistungssteigernden Drogen in Nord- und Südamerika kann zum Teil mit der herrschenden Wettbewerbssituation erklärt werden. Die Verwendung dieser Drogen scheint mit Kultur und Lebensstil verbunden zu sein. Die Theorien zur Erklärung dieser Unterschiede zwischen den Regionen reichen von medizinischen Gründen über Verschreibungspraktiken bis zur sozialen Struktur der Größe verschiedener Altersgruppen.

Der Drogenkonsum könnte auch den Einfluß der Kultur auf das Verhältnis zwischen Patienten und ärzten widerspiegeln. Europäische ärzte wären demnach bei der Verschreibung von Amphetaminen im Hinblick auf den weiten Mißbrauch dieser Drogen in den 60er und 70er Jahren zurückhaltend, zeigten aber weniger Sorge bei Benzodiazepinen. Ihre amerikanischen Kollegen scheinen keine kollektive Erinnerung an den Amphetamin-Mißbrauch der 70er Jahre mehr zu haben, sind aber mehr bei Benzodiazepinen zurückhaltender als die Europäer.

Die aggressive Werbung einiger pharmazeutischer Firmen beeinflußt sehr stark das Verschreibungs- und Konsumverhalten. Die Informationstechnologie hat die Trends beim Drogenkonsum von einer Region in die andere verbreitet, ohne die Eignung und langfristige Wirkungen zu untersuchen.

Der Rat empfiehlt den ärzten, den Beamten des Gesundheitswesens und den Konsumentenschutzgruppen eine aktivere Rolle bei der Entscheidung über den Konsum dieser Präparate in ihren Ländern zu übernehmen. Die Behandlung mit Drogen ist oft leider der scheinbar leichtere Ausweg als die Auseinandersetzung mit der Ursache des Problems.

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zur Information - kein offizielles Dokument


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