Montag, 24 November 2014
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„Den Opfern eine Stimme geben“

537076-banguraInterview mit Zainab Hawa Bangura, Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für sexuelle Gewalt in Konflikten

Sexuelle Gewalt wird in Konflikten immer wieder als grausame Taktik eingesetzt, um den Gegner zu demoralisieren. Ob in Bosnien, in der Demokratischen Republik Kongo oder in Sierra Leone – sexuelle Gewalt ist in Konflikten weltweit leider ein sehr ernstzunehmendes Thema. Im Juni 2012 hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon Zainab Hawa Bangura als Sonderbeauftragte ernannt.

In einem Interview mit dem UN News Centre spricht Bangura über ihre neue Aufgabe, mögliche Lösungsstrategien und ihre eigenen Erlebnisse als Opfer. Im Folgenden finden Sie ausgewählte Passagen des Interviews.

UN News Centre: Was sind die ersten Eindrücke von Ihrer neuen Aufgabe?

Zainab Hawa Bangura: Ich denke, es ist ein extrem anspruchsvoller Job. Anspruchsvoll vor allem in dem Sinne, als dass es das Thema sexuelle Gewalt in Konflikten ein riesiges Problem darstellt, ein globales Problem. Wir haben es vielerorts mit einer Kultur des Schweigens und der Verleugnung zu tun, weil die Menschen nicht akzeptieren wollen, dass diese Dinge passieren. Meine Aufgabe ist es, den Opfern eine Stimme zu geben. Ich muss für die Opfer sprechen. Für mich ist es besonders wichtig, den Menschen dabei zu helfen, ihr Leben wieder aufzubauen. Man ist die Stimme für Menschen, die sich unter normalen Umständen nicht selbst schützen können. Denn viele der Opfer sind Frauen, arme Frauen aus abgelegenen Gegenden, in denen sie nichts zu sagen haben. Es hat auch viel damit zu tun, den Opfern mehr Macht zu geben.

UN News Centre: Wie haben Sie die Erfahrungen mit Konflikten in Ihrem eigenen Land beeinflusst und welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit zum Thema sexuelle Gewalt in Konflikten?

Zainab Hawa Bangura: Durch mein Wissen und meine Erfahrungen habe ich ein grundsätzliches Verständnis der Problematik. Ich habe mit Opfern von sexueller Gewalt in Konflikten gearbeitet. Ich habe Gräueltaten dokumentiert und öffentlich gemacht, die in Sierra Leone begangen wurden. Ich habe Berichte über Zwangsheiraten für das Sondertribunal verfasst und als Expertin vor Gericht ausgesagt. Natürlich ist jeder Konflikt anders, aber zumindest die grundsätzlichen Themen sind dieselben.

Wir in Sierra Leone haben es geschafft wieder aufzustehen und das Land wieder aufzubauen. Jetzt ist Sierra Leone eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Afrikas. Wir haben uns mit dem Problem durch die Kommission für Wahrheit und Aussöhnung und dem Sondergericht auseinandergesetzt. Sierra Leone hat auch einen Reparationsfonds für die Opfer eingerichtet. Durch diese Erfahrungen habe ich eine Vorstellung davon, wie man mit diesem Problem umgehen kann. Und es ist auch eine Geschichte der Hoffnung für andere Frauen

Die Frage ist, wie man diejenigen Frauen ermächtigen kann, die Opfer geworden sind und wie man sicher gehen kann, dass ihnen bestimmte Hilfe zukommmt: psycho-soziale, medizinische und Hilfe, um die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Nur so können sie ihr Selbstwertgefühl wieder erlangen, ihr Leben neu aufbauen und die Vergangenheit hinter sich lassen. So entschlossen wir gegen die Täter vorgehen, so sehr müssen wir auch die Opfer in den Mittelpunkt stellen.

UN News Centre: Sie waren gerade auf Ihrer ersten Mission in der Zentralafrikanischen Republik. Können Sie Ihren Besuch dort beschreiben?

Zainab Hawa Bangura: Der Besuch war für mich besonders bereichernd. Das Wichtige dabei ist, dass ich in der Lage bin, die Realität vor Ort und die Dinge die getan werden müssen in die Welt, zu den Vereinten Nationen und in die internationale Gemeinschaft hinein zu tragen. Der besondere Erfolg der Reise ist, dass wir genug Zeit hatten mit allen Seiten zu reden: Von den Opfern über die Armee bis hin zu Regierungsmitgliedern.

Durch die Gespräche mit der Regierung und den einzelnen bewaffneten Gruppen konnten wir sehr konkrete Beschlüsse treffen. Mit den bewaffneten Gruppen haben wir vereinbart, dass sie die Frauen und Kinder unter ihrer Kontrolle freilassen. Sie haben uns außerdem zugesagt, dass sie den Befehl ausgeben, keine sexuelle Gewalt mehr auszuüben und im Zweifel die Kommandanten die Möglichkeit haben, Verdachtsfälle zu untersuchen und dagegen vorzugehen.

Man kann aber die Kämpfenden nicht einfach nur physisch entwaffnen, sie müssen auch psychisch entwaffnet werden. Die Erfahrung zeigt, dass nach einem Krieg die Zahl der Vergewaltigungen steigt. Denn wenn die ehemaligen Kämpfer entwaffnet sind, nimmst du ihnen nur ihre Waffen. Wenn man versuchst sie wieder in eine Gemeinschaft oder die Sicherheitskräfte einzugliedern, behalten sie die Kultur der Ausbeutung von Frauen bei. Deshalb gibt es im Militär ein Problem der Kontrolle. Nach dem Konflikt in Sierra Leone wurden die Kämpfer ins Militär aufgenommen. Und als Sierra Leone dann Truppen für den Einsatz in Somalia gestellt hat, haben sie diese ehemaligen Rebellen mitgeschickt. Und da geht das Problem der sexuellen Ausbeutung dann weiter.

Deshalb muss man schon zu Beginn der Entwaffnung das Problem angehen, sonst hat man Menschen im Militär die Gräueltaten begangen haben. Wir müssen das alles genau prüfen. Wir müssen diese Menschen wissen lassen, dass man diese Verbrechen nicht begehen kann und ungestraft davon kommen kann.

UN News Centre: Sehen Sie eine Anstieg von Fällen, in denen Männer Opfer sexueller Gewalt werden? Werden diese anders behandelt als weibliche Opfer?

Zainab Hawa Bangura: Es ist offensichtlich geworden, dass wir dieses Problem angehen müssen. Wir sehen es in Syrien. Wir haben es in Lybien gesehen, genauso wie in Mali und in der Demokratischen Republik Kongo. Die Strukturen, die wir über die Jahre aufgebaut haben, zielen in erster Linie auf Frauen ab. Wenn man zum Beispiel den medizinischen Teil betrachtet: man kannst einen Mann nicht zum Gynäkologen schicken.

Wir sind dabei, unsere Einstellung zu ändern. Wir haben mit Nicht-Regierungsorganisationen gesprochen und ich hoffe wir bekommen auch Antworten von männlichen Vergewaltigungsopfern. Grundsätzlich ist das Ziel sexueller Gewalt, die Opfer zu bestrafen, sie zu degradieren, zu entwürdigen und zwar bis zu einen Grad, an dem sie nicht mehr in der Lage sind, ihr Leben normal weiterzuführen. Und das betrifft sowohl Männer als auch Frauen. Aber Männer fällt es schwerer darüber zu reden.

UN News Centre: Was ist Ihrer Meinung nach der Kern des Problems und wie kann es gelöst werden?

Zainab Hawa Bangura: Wir als UN entwickeln den juristischen Rahmen. Wir entwicklen Mechanismen, die eine Art globaler Verantwortung schaffen. Was wir jetzt brauchen ist, dass die einzelnen Staaten auch eigenverantwortlich handeln. In einigen Staaten, in denen wir arbeiten, weiß die Polizei nicht einmal wie man bei einem sexuellen Verbrechen ermittelt. Diese Beamten müssen ausgebildet werden. Die Gerichte wissen nicht, wie sie Verdächtige strafrechtlich verfolgen sollen. Denn der Großteil der Täter sind einfache Soldaten und man kann ja nicht jeden vor den Internationalen Gerichtshof bringen, dafür fehlen die Ressourcen. Regierungen müssen also einen rechtlichen Rahmen auf nationaler Ebene schaffen. Deshalb bestehen wir darauf, dass die Initiative und der Wille von der höchsten nationalen Ebene der Staaten ausgehen muss. Dadurch kann man sichergehen, dass es innerhalb der eigenen Armee keine Toleranz gegenüer sexueller Gewalt gibt.

In manchen Ländern müssen Frauen außerdem 100 Dollar zahlen, um überhaupt einen medizinischen Bericht für die Strafverfolgung zu bekommen. Woher soll eine arme Frau aus einem Dorf das Geld nehmen? Teilweise müssen sie dafür viele Kilometer reisen und wenn sie zurückkommen, sind die Beweise oftmals vernichtet. Es gibt sogar Länder, in denen Opfer die Täter versorgen müssen, solange der Fall vor Gericht verhandelt wird. All das sind Themen, die wir angehen müssen.

UN News Centre: Was ist Ihre Motivation für diese Arbeit?

Zainab Hawa Bangura: In meiner Vergangenheit war ich selber auf die eine oder andere Weise Opfer. Ich komme aus einem Land, das Konflikte hinter sich hat. Ich bin auf einem Fischerboot nach Guinea geflüchtet. Ich weiß also, was es bedeutet, aus seinem eigenen Land zu flüchten. Ich weiß, was es bedeutet, bedroht zu werden, weil sie mir damals gedroht haben: `Wenn wir dich kriegen, vergewaltigen wir dich´

Ich konnte weglaufen bevor sie kamen, aber sie zerstörten mein Haus. Ich habe diese Erfahrungen also selbst gemacht. Die Tatsache, dass ich es überlebt habe und mein Leben wiederaufbauen konnte, bedeutet für mich, dass ich etwas zurückgeben muss. Und deshalb möchte ich aufrichtig meinen Teil dazu beitragen, dieses Problem zu lösen. Ich weiß, was es bedeutet in Unsicherheit zu leben, ob man den morgigen Tag noch erleben wird und was passiert, wenn sie dich kriegen. Das inspiriert mich. Ich will diese Geschichte anderen Frauen erzählen können und ihnen sagen: Wenn ich es kann, könnt ihr es auch.

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