Während der Kämpfe im und um den Gazastreifen zwischen dem
27. Dezember und dem 18. Januar war es die Zivilbevölkerung in Gaza und
im südlichen Israel, die die volle Wucht der Gewalt, Zerstörung und
viel Leid ertragen musste. Die Bewohner des Gazastreifens, die schon
seit Jahren Not erleiden müssen, erfahren nun noch größeres Elend und
stehen vor einer unsicheren Zukunft voller Angst und Verzweiflung. Ich
habe das Ausmaß ihrer Erniedrigung direkt gesehen, als ich Gaza zwei
Tage, nachdem der Waffenstillstand verkündet worden war, besuchte. Was
ich sah und hörte, hat mich tief betroffen gemacht.
Die Menschen in Gaza und im südlichen Israel sind nicht die einzigen
Opfer. Betroffen ist auch der politische Prozess, der seit der
Konferenz von Annapolis 2007 in Gang gekommen ist. Wir leisten
humanitäre Hilfe, aber wir müssen auch den politischen Prozess
wiederbeleben: unter den Palästinensern, zwischen Palästinensern und
Israelis sowie zwischen Israel und der arabischen Welt.
Drei Wochen schwerer Kämpfe endeten am 18. Januar mit einem jeweils
einseitig ausgerufenen Waffenstillstand beider Seiten. Seitdem ist die
Lage unsicher. Das zeigt, wie sehr wir einen dauerhaften, nachhaltigen
und allseits respektierten Waffenstillstand benötigen, wie ihn der
Sicherheitsrat gefordert hat. Ägypten hat dankenswerterweise die
Führung übernommen, um eine solche Vereinbarung zu erzielen. Ägypten
verfolgt aber noch weitere Ziele, die damit zusammenhängen: die
vollständige Wiederöffnung aller Übergänge nach Gaza, die Freilassung
palästinensischer Gefangener im Austausch mit dem israelischen Soldaten
Gilad Schalit und die Wiedervereinigung aller Palästinenser. Ägypten
ist am heutigen Montag und am Dienstag auch Gastgeber der wichtigen
Konferenz in Sharm el-Sheikh, bei der über die wirtschaftlichen
Bedürfnisse der Palästinenser beraten wird.
Offene Grenzübergänge sind entscheidend, damit ein Waffenstillstand
halten und die dringend benötigte humanitäre Hilfe die Menschen
erreichen kann. Wenn wir den Grenzverkehr ordentlich regeln wollen,
dann müssen die legitimen Sicherheitsinteressen Israels angesprochen
werden. Die Palästinensische Behörde sollte dann unter diesen
Vereinbarungen ihrer Verantwortung gerecht werden. Das bedingt im
Gegenzug, dass das palästinensische Volk unter einer Regierung
wiedervereint sein muss, die sich den Prinzipien der PLO verpflichtet
fühlt.
Die Gazakrise hat gezeigt, wie schwer die politischen Misserfolge der
Vergangenheit tatsächlich ins Gewicht fallen und wie dringend ein
gerechter, andauernder und umfassender Frieden für alle Völker im Nahen
Osten geschlossen werden muss. Wir brauchen eine vereinigte
palästinensische Regierung, die sich dem Friedensprozess verpflichtet.
Ebenso brauchen wir eine israelische Regierung, die zu ihren
Verpflichtungen steht. Ebenso wie die Palästinenser Sicherheitsprobleme
angehen müssen, müssen die Israelis tatsächlich mit dem Bau von
Siedlungen aufhören. Die Ausweitung von Siedlungen ist illegal und
unakzeptabel. Außerdem trägt der Siedlungsbau viel dazu bei, dass das
Vertrauen der arabischen Welt in den politischen Prozess nachlässt.
In der Zwischenzeit müssen die Vereinten Nationen weiter humanitäre
Hilfe im Gazastreifen leisten, wo sie benötigt wird. Wir haben direkt
nach Ende der Kämpfe einen Hilfsaufruf gestartet und hoffen, dass die
Geberländer weiter so großzügig spenden werden. Außerdem unterstützen
wir die Palästinensische Behörde, mit deren Budget die Gehälter von
tausenden Beamten in Gaza bezahlt werden.
Wir müssen außerdem einen schnellen Wechsel von der humanitären
Nothilfe zur Phase des raschen Wiederaufbaus sicherstellen, damit
tausende Bewohner des Gazastreifens nicht mehr ums Überleben kämpfen
und abhängig sind. In Gaza muss wieder Normalität einkehren. Wir müssen
Hand in Hand mit der Palästinensischen Behörde zusammenarbeiten, ebenso
wie mit den regionalen Akteuren und im Zusammenspiel mit der
internationalen Gemeinschaft. Während wir damit beschäftigt sind,
dürfen wir nicht das Westjordanland vernachlässigen. Damit die
Palästinenser Verbesserungen in ihrem Alltag spüren, muss Israel sofort
Maßnahmen ergreifen, um die Bewegungsfreiheit und den Zugang zu
wichtigen Ressourcen wie Land und Märkten zu verbessern.
Unser Ziel sollte es nicht nur sein, zum Friedensprozess oder zur
Situation vor dem 27. Dezember 2008 im Gazastreifen
zurückzukehren.Während wir den Menschen im Gazastreifen helfen, müssen
wir auch unermüdlich an dem Ziel arbeiten, das uns vereint, aber dem
wir auch aus dem Weg gegangen sind: das Ende der Besatzung, die 1967
begann sowie die Gründung eines palästinensischen Staates in Gaza und
dem Westjordanland, einschließlich Ost-Jerusalems, der friedlich und
sicher neben Israel existiert. Außerdem muss ein umfassender, gerechter
und dauerhafter Frieden zwischen Israel und allen arabischen Nachbarn
entstehen. Ich verspreche, alles in meiner Macht als UN-Generalsekretär
Stehende zu tun, um Frieden in dieser wichtigen Region herbeizuführen.
Die internationale Gemeinschaft muss ihrer Verantwortung gerecht
werden.
Der Autor ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 02.03.2009)