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"Fast sechs Millionen Kinder in Zwangsarbeit" - Vereinte Nationen prangern weltweite Gewalt gegen Jungen und Mädchen an / von Louise Arbour --- Gastkommentar in den Stuttgarter Nachrichten vom 13. Oktober 2006

Trotz der beinahe universellen Ratifizierung des Übereinkommens über die Rechte des Kindes sind konkrete Initiativen der Regierungen bisher weit gehend unzulänglich geblieben. Die Augen vor diesem Phänomen zu verschließen oder sich auf Unwissenheit der Häufigkeit von Gewalttaten gegen Kinder sowie deren Auswirkungen zu berufen, dürfte jetzt allerdings schwierig werden. Denn nach mehr als dreijähriger Arbeit ist der Weltbericht über Gewalt gegen Kinder - eine Studie der Vereinten Nationen - herausgegeben.

Danach wurden 2002 rund 150 Millionen Mädchen sowie 73 Millionen Jungen zum Geschlechtsverkehr bzw. zu anderen Formen sexueller Gewalt gezwungen. Zwischen 100 und 140 Millionen Mädchen und Frauen werden Opfer von Genitalverstümmelung. Von den 218 Millionen Kindern, die 2004 arbeiteten, waren im Jahr 2000 etwa sechs Millionen in Zwangsarbeit, 1,8 Millionen wurden zu Prostitution und Pornografie gezwungen, und 1,2 Millionen waren Opfer von Menschenhandel. Paulo Sergio Pinheiro, der vom Uno-Generalsekretär als unabhängiger Experte für die Studie ernannt wurde, kommt zu dem Schluss, dass Kinder Gewalttätigkeit aus einem Gefühl von Schande und Furcht vor Vergeltung in Stille und Hoffnungslosigkeit ertragen, und auch, weil solche Missbräuche manchmal vom Staat autorisiert und von der Gesellschaft allgemein gebilligt werden.

Das Versagen beim Schutz des Kindes beginnt bei jenen, die direkt für das Wohlergehen und für die Sicherheit in Familien, Schulen und in den Gemeinschaften, in denen Kinder leben und arbeiten, verantwortlich sind. Tatsächlich bestätigt die Studie, dass "die Mehrheit von Gewalttaten an Kindern von Personen begangen werden, die ein Teil ihres Lebens sind". Dennoch bleibt die Verantwortung letztlich bei den Staaten, die im Rahmen der internationalen Menschenrechte verpflichtet sind, Kindern ein Umfeld zu bieten, in dem sie ihre Rechte vollkommen genießen können, ohne Angst vor Missbrauch oder Vergeltung.

Das Übereinkommen über die Rechte des Kindes bietet eine umfassende rechtliche Grundlage zur Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder. Seine rechtlichen Bestimmungen schützen Kinder vor physischem und psychischem Missbrauch, Verletzungen, Vernachlässigung, Misshandlung und Ausbeutung, einschließlich sexueller Nötigung. Gemeinsam mit anderen Verträgen verpflichtet das Übereinkommen Regierungen, konsequent und energisch jeglichen Missbrauch eines jeden, der für ein Kind Sorge trägt, auch wenn nur über eine kurze Zeitdauer, zu unterbinden.

Was jedoch das nationale Recht einzelner Staaten betrifft, gibt es Ausnahmen zu den in dem Übereinkommen festgelegten Bestimmungen. Einige Regierungen wollen sich nur widerwillig in die Privatsphäre des Familienlebens einmischen und ziehen jene zur Verantwortung, die Gewalt im Kreis der Familie ausüben. In vielen Staaten konzentriert sich die Gesetzgebung zum Thema Gewalt lediglich auf sexuelle oder körperliche Gewalt, ignoriert und vernachlässigt jedoch den Bereich der psychischen Gewalt. Anderen Staaten mangelt es an einem Sicherheitssystem, welches unabkömmlich für einen effektiven Schutz ist, oder an Kapazitäten und den Strukturen, die erst den Präventions- und Schutzmaßnahmen Wirksamkeit verleihen. Das Ergebnis ist eine unsägliche Anzahl von Kindern auf der ganzen Welt, die weiter jeden Tag ohne jegliche Aussicht auf Entschädigung leiden, während ihre Peiniger ungestraft davonkommen.

Die Verhängung der Todesstrafe gegen Minderjährige ist das ungeheuerlichste Beispiel von Missbrauch der Staatsgewalt. In einigen Ländern umfassen weniger strenge Verurteilungen Auspeitschung, Steinigung und Amputationen. Disziplinarmaßnahmen, die eine grausame, entwürdigende und ungewöhnliche Behandlung oder Bestrafung darstellen können, sind legal und werden in Strafanstalten von mindestens 77 Ländern angewandt.

Umso weniger überrascht es, dass Mädchen, Kinder mit Behinderungen oder Kinder von Minderheiten oder anderen Randgruppen Gewalt am meisten ausgesetzt sind, als Opfer sowohl des Missbrauchs als auch der staatlichen Nachlässigkeit. In vielen Ländern tragen wachsende Einkommensunterschiede, Globalisierung, Migration und Pandemien dazu bei, ein Klima der Unsicherheit und des Konflikts zu schaffen, was - oft unproportional - Kinderrechte und damit auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte trifft.
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Die 1947 in Montreal geborene Louise Arbour ist seit 2004 UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte. Von 1974 bis 1987 war sie Professorin für Strafrecht an der York-Universität. 1990 kam sie zum Appellationsgericht von Ontario. Ab 1996 war sie Chefanklägerin der Tribunale, die die Verbrechen während des jugoslawischen Bürgerkriegs und den Völkermord in Ruanda untersuchten.

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