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Die Welt muss helfen / Gastbeitrag von Ban Ki Moon in der Süddeutschen Zeitung, 22. Juli 2011


Süddeutsche Zeitung, 22. Juli 2011

Die Welt muss helfen

Ein Gastbeitrag von Ban Ki Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen


In Ostafrika kämpfen Millionen Menschen gegen den Hungertod. Unzählige Flüchtlinge aus Somalia suchen Schutz in Äthiopien und Kenia, dabei leiden die Länder selbst unter der Dürre. Bisher hat die internationale Gemeinschaft nur die Hälfte der benötigten 1,11 Milliarden Euro bereitgestellt. Jeder Einzelne muss sich fragen, wie er helfen kann.

Rund um das Horn von Afrika verhungern die Menschen. Eine katastrophale Mischung aus Konflikten, hohen Lebensmittelpreisen und Dürre hat mehr als elf Millionen Menschen in Not gestürzt. Die UN haben darauf seit Monaten hingewiesen. Wir haben bisher nicht von einer Hungersnot gesprochen - aber am Mittwoch haben wir offiziell diese sich schnell entwickelnde Realität anerkannt. Es herrscht eine Hungersnot in Teilen Somalias. Und sie weitet sich aus.

Dies ist ein Weckruf, den wir nicht ignorieren können. Jeden Tag erhalte ich erschütternde Berichte der UN-Mitarbeiter vor Ort. Somalische Flüchtlinge, deren Ziegen und Kühe verdurstet sind, sind in wochenlangen Märschen nach Kenia oder Äthiopien unterwegs, um dort Hilfe zu finden. Waisen kommen alleine in einem fremden Land an, vor Angst erstarrt und unterernährt, ihre Eltern sind auf dem Weg gestorben.

Aus Somalia selbst berichten uns Familien, dass sie ihre Kinder haben sterben sehen, eins nach dem anderen. Eine Frau erreichte kürzlich nach einem drei Wochen langen Marsch ein UN-Hilfslager 140 Kilometer südlich von Mogadischu. Halima Omar aus der Region Unter-Shabeelle ging es früher relativ gut. Heute, nach drei Jahren Dürre, überlebt sie nur mühsam. Vier ihrer sechs Kinder sind tot. "Es gibt nichts Schlimmeres als wenn dein eigenes Kind vor deinen Augen stirbt, weil du es nicht mehr ernähren kannst. Ich verliere die Hoffnung", sagt sie.

Schockierende Berichte

Selbst für die, die die Lager erreichen, gibt es oft keine Hoffnung. Viele sind einfach zu schwach nach dem langen Weg durch die Dürregebiete und sterben, bevor sie medizinisch behandelt werden können. Oft gibt es gar keine Medizin. Ärzte sehen ihre Patienten sterben und können nichts unternehmen.

Diese Berichte schockieren uns. Wir fragen uns: Wie kann das erneut geschehen? Schließlich gibt es genug Lebensmittel auf der Welt. Und ja, die wirtschaftlichen Zeiten sind schwierig. Aber schon immer gab es den menschlichen Impuls zu helfen, auch in den schwersten Zeiten.

Deshalb will ich die weltweite Aufmerksamkeit auf diese Krise lenken und Alarm schlagen. Die Welt muss Somalia in diesem Moment größter Not helfen. Um das Leben dieser Menschen zu retten, die Mehrheit von ihnen sind Frauen und Kinder, brauchen wir Hilfsgelder in Höhe von 1,6 Milliarden US-Dollar. Bisher hat die internationale Gemeinschaft nur die Hälfte bereitgestellt.

Ich fordere alle Nationen auf, Hilfe zu leisten. Die, die unsere Arbeit jedes Jahr finanzieren und die, die das normalerweise nicht tun. Am 25. Juli werden die UN-Agenturen in Rom zusammenkommen, um unsere Nothilfe zu koordinieren.

Privatpersonen sollen spenden

Jeder Einzelne muss sich fragen, was er tun kann. Wir brauchen private Spenden, so wie nach dem Tsunami für Indonesien und nach dem Erdbeben in Haiti. Die Menschen könnten auch mehr Druck auf Abgeordnete und ihre Regierung ausüben, damit wir von ihnen eine kraftvolle Reaktion sehen.

Besonders schwierig ist die Lage in Somalia. Die Hilfe wird durch die andauernden Konflikte erschwert. Stark steigende Preise für Lebensmittel belasten die Budgets der Hilfsorganisationen und die Sicherheitslage ist angespannt.

Kenia und Äthiopien, die ihre Grenzen großzügigerweise offen gehalten haben, stehen selbst vor großen Schwierigkeiten. Das weltweit größte Flüchtlingslager, Dadaab, ist mit 380.000 Flüchtlingen gefährlich überfüllt. Tausende Menschen drängen weiter darauf, hier registriert zu werden. Im benachbarten Äthiopien kommen jeden Tag 2000 Menschen im Lager Dolo an. Beide Länder haben selbst riesige Probleme. Die Nahrungskrise betrifft auch sieben Millionen Kenianer und Äthiopier. Auch in Dschibuti und Eritrea brauchen Zehntausende Menschen Hilfe.

Selbst wenn wir auf die unmittelbare Krise reagieren, müssen wir Mittel finden, die tiefer liegenden Gründen anzupacken. Die jetzige Dürre ist die schwerste seit Jahrzehnten. Aber sie wird, wegen des Klimawandels, nicht die letzte sein. Vor allem brauchen wir Frieden. Solange der Konflikt in Somalia existiert, können wir die Hungersnot nicht effektiv beseitigen.

"Vielleicht ist das unser Schicksal, oder vielleicht wird ein Wunder geschehen und wir werden von diesem Albtraum erlöst", sagt Halima Omar, die sechsfache Mutter. Ich kann es nicht akzeptieren, dass das ihr Schicksal sein soll. Zusammen müssen wir sie und all die anderen Menschen dort vor diesem schrecklichen Albtraum retten.

 

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