Mittwoch, 01 Oktober 2014
UNRIC logo - Deutsch
                

Ein historischer Tag / Gastbeitrag von Ban Ki Moon in der Frankfurter Rundschau, 9. Juli 2011

Frankfurter, Rundschau, 9. Juli 2011

GASTBEITRAG VOM UN-GENERALSEKRETÄR

Ein historischer Tag
 
Von Ban Ki Moon


Am Samstag wird die Republik Südsudan der Staatengemeinschaft beitreten. Regierungsvertreter aus aller Welt kommen in die Hauptstadt Juba und werden dabei sein, wenn der neue Staat seine Flagge hisst und der erste Präsident, Salva Kiir Mayardit, vereidigt wird.

Für die über acht Millionen Bürger ist dies ein emotionaler Tag. In einer historischen Abstimmung haben sie beschlossen, sich vom Sudan zu lösen. Dass dieser Prozess friedlich geschehen ist, ist dem Norden und dem Süden des Landes zu verdanken. Doch der Preis war hoch: Viele Menschen verloren in dem 21 Jahre währenden Bürgerkrieg, der erst 2005 endete, ihr Leben oder wurden vertrieben.

Am Tag seines Entstehens rangiert der neue Staat Südsudan fast am Ende aller Maßstäbe für menschliche Entwicklung. Die Zahlen sind ernüchternd. In keinem Land ist die Müttersterblichkeit so hoch. Mehr als 80 Prozent der Frauen und Mädchen können nicht lesen und schreiben. Mehr als die Hälfte aller Menschen müssen mit weniger als einem US-Dollar am Tag überleben. Die neue Regierung und die erst entstehenden Institutionen müssen mit dramatischen Problemen wie Armut, Unsicherheit und fehlender Infrastruktur fertig werden.

Ich selbst habe den Südsudan zum ersten Mal 2007 besucht. Die Herausforderungen sind riesig. Das Land hat eine Fläche von 620000 Quadratkilometern, und es gibt nur 100 Kilometer befestigte Straßen. Die Gefahr eines neuen Ausbruchs von Gewalt, von Übergriffen auf Zivilisten und steigendem menschlichen Leid ist groß.

Der Südsudan hat aber auch große Möglichkeiten. Das Land besitzt Öl, es ist fruchtbar, und durch das Landesinnere fließt der Nil. Um diese Chancen zu nutzen, braucht der Südsudan die Hilfe der internationalen Gemeinschaft und vor allem die seiner Nachbarn.

Die Führung des Südsudans muss vor allem mit der Regierung in der sudanesischen Hauptstadt Khartum in Kontakt treten. Starke und friedliche Beziehungen mit dem Norden sind wichtig. Entscheidend ist ein Abkommen über die Grenze zwischen beiden Staaten, die Frage, wie beide Staaten von den Ölvorkommen profitieren können und wie über die Grenze hinweg die starken historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen beibehalten werden können. Weder der Norden noch der Süden dürfen jetzt auf Kosten der Gegenseite versuchen, kurzfristige politische Erfolge zu erzielen.

Der Südsudan muss auch auf seine Nachbarn zugehen. Auf der ganzen Welt – und besonders in Afrika – entstehen immer mehr regionale Partnerschaften. Der Südsudan wird gestärkt werden, wenn er ein aktives Mitglied der regionalen Organisationen Ostafrikas wird. Schließlich muss der Südsudan auch seine eigenen Bürgerinnen und Bürger miteinbeziehen. Alle ethnischen Gruppen müssen beteiligt, die grundlegenden Rechte eines modernen und demokratischen Staats garantiert werden: freie Meinungsäußerung und umfassende politische Rechte.

Im 21. Jahrhundert hat die internationale Gemeinschaft immer stärker erkannt, dass die Regierungen ihren Bürgern gegenüber verantwortlich sind. Dabei geht es vor allem um grundlegende demokratische Rechte. Die Aufstände in Nordafrika und im Nahen Osten haben gezeigt, was passieren kann, wenn Regierungen die Bedürfnisse des eigenen Volkes nicht beachten.

Die Vereinten Nationen unterstützen die Regierung des Südsudans, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Deshalb habe ich vorgeschlagen, im Land eine neue UN-Mission zur Friedenssicherung einzusetzen. Sie soll dabei helfen, die Institutionen aufzubauen, die das Land dringend braucht.

Heute werde auch ich in Juba beim Entstehen dieses neuen Staates sein. Das Letzte, was eine neue Nation braucht, ist lediglich eine Gründungsfeier, um dann bis zur nächsten Krise wieder völlig vergessen zu werden. Wir wollen deshalb mehr tun und nicht nur dieses große Ereignis feiern. Die internationale Gemeinschaft muss die Menschen im Südsudan unterstützen, damit sie gemeinsam zu einer stabilen und starken Nation werden.

Ban Ki Moon ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.


 

Kontakt

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777


Für Informationen und Presseanfragen zu den in Bonn ansässigen UNO-Organisationen:
Informationsstelle der Vereinten Nation in Bonn

Tel.: +49-228-815-2776
Email: info@unbonn.org

Banner
Banner